Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 148.

Heirathsgefchichten aus der kleinen Welt.

(Fortsetzung.)

Adelheid kam in tiefen Gedanken heim, und wie oft sie sich auch sagte, welcher Nnsinn eS sei, an die Geschichte nur zu denken, dennoch kehrte das Gespräch mit der Liese wieder und wieder in ihre Erinnerung-zurück. Nein, da­ran war nicht zu denken: einer, der die Weisheitsliese zur Vertrauten gemacht, der Sebastian Mezger hieß und Doktor war in Dachshausen ! War ihr's auch mit dem Jäger zu Roß nicht so ernst gewesen, so hatte sie sich dafür andere schöne, romantische Situationen gedacht, gegen die all dieß ein zu greller Kontrast war. Dann aber trat wieder die lange, stille, treue Liebe des ihr fast Unbekannten vor ihre Seele, sein verwaistes Leben, das hoffnungslose Leid um sie, das ihn weit über's Meer in ferne Lande treiben wollte, und das trieb ihr wieder Thränen in's Auge. Dann aber fiel ihr mit heißem Er- röthen wieder ein, wie sie durch ihre unbedachte Aeußerung gegen die Liese ihn gleichsam selbst eingeladen habe, und beim Gedanken, daß das für Zuvorkommenheit gelten könnte, empörte sich ihr ganzer Mädchenstolz.

Weil sie aber dennoch Tag und Nacht an die tra« gische Geschichte denken mußte, so war's am Ende eine Wohlthat, daß der gefürchtete Doktor wirklich erschien. Eines TagS rief die Magd:Fräulein Adelheid, ein Herr sind da und wollen den Herrn Dekan sprechen". Mit ahnendem Herzen trat sie in's Zimmer und erin­nerte sich nun wohl, diesen ernsten, einfach gekleideten Mann dereinst beim Vater gesehen zu haben, aber er hatte so wenig Eindruck auf sie gemacht, daß sie ihn gänzlich vergessen hatte, und auch jetzt rief keine einzige Stimme in ihrem Herzen: der ist'S! keine einzige. Nein, der konnte es nicht sein!

Der Doktor ließ sich keine Beklommenheit anmerken, er hielt die Unterhaltung unter so kritischen Umständen möglichst aufrecht und zeigte sich als einen lebenSerfah- renen, ernsten, gebildeten Mann, aber jeder verstohlene Blick, den sie auf ihn warf, kehrte mit der leidigen Bot­schaft zum Herzen zurück:Der ist'S nicht! nein, der ist's nicht"!

Endlich machte der ahnungslose Vater durch seine Ankunft diesem doch etwas peinlichen téte â téte ein Ende; der Adelheid fiel ein Stein vom Herzen, sie ließ den Gast dem Vater und wie lange auch noch der Herr Mezger verweilen mochte, sie ließ sich nicht mehr blicken, für ihn ein recht schlimmes Zeichen, und er mußte deß. halb sich verabschieden, ohne sie noch einmal gesehen zu haben.

Während die Adelheid daheim saß in einer Wahl und Qual, als ob sie seit der Erschaffung der Welt daS erste Mädchen wäre, daS in den tragischen Fall kommt, einen Mann nehmen zu müssen, war der Sebastian in tiefe Gedanken versunken auf seinem einsamen Heimweg Wie eS gekommen, daß eine so zarte Angelegenheit zu­erst in die ungeschickten Hände der Jungfer Liese gekom. men, davon später; jetzt handelte fich's bei ihm nur darum, ob er einen direkten Sturm auf die Festung wa­gen sollte, die so wenig geneigt schien sich zu ergeben, und da zogen gar viele Gedanken für und wider durch seine Seele. Er gehörte nicht zu den stürmischen Naturen und zu einem Entführen auf Leben und Sterben schien er vor der Hand nicht geneigt. Er schloß all seine strei­tenden Gedanken mit einem Gebete, daß Gott ihm zeigen möge, wo der rechte Weg für ihn liege, und daß er ihm diesen Weg bahnen möge; er fand Ruhe und Frieden darin, daß er seine Sache in so gute Hände gelegt, und ging getrost nach Hause.