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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. .M 147

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Heirathsgefchiehten aus der klienen Welt.

(Fortsetzung.)

Diesen selben Pfad wandelte Adelheid auch eines AbendS, in allerlei Gedanken verloren. Sie hatte eben eine hübsche Novelle von Eichendorff gelesen und sang mit Heller Stimme ein Reimlein daraus nach eigener Kom­position :

Und wollte mich Einer erwerben.

Ein Jäger Müßt's seyn zu Roß,

Der müßt' mich auf Leben und Sterben

Entführen auf sein Schieß"!

Da ertönte eine süßliche, etwas näselnde Stimme hinter ihr:Ach, guten Abend, Fräulein Adelheid, thun Sie auch ihre Gefühle amüsiren im schönen Abendroth"? Wie mit kaltem Wasser begossen sah sich Adelheid um, und da stand, nicht ein Jäger zu Roß , wohl aber die Jungfer Elisabeth Maicrin, ehrsame Vorsteherin der Strickschule, die WeisheitSliese genannt wegen der abson­derlichen Weisheit und Sentimentalität ihrer Reden und Bemerkungen, der Adelheit so erstaunlich zuwider, daß kaum ihre Gutmüthigkeit sie abhalten konnte, ihrer alten! Lehrerin stracks den Rücken zu wenden.Ach ja" , fuhr die gesprächsame Jungfer fort,da sind Sie eben gerade wie ich, immer gefühlvoll, immer schwärmerisch; so bin ich mein Lebtage gewesen. Wenn ich nur ein schönes Buch und eine schöne Naturgegend habe, komme ich ganz außerhalb mir selbst. Ach, was habe ich erst heute noch Weinen müssen über so eine schöne Geschichte: »DeS Le­bens Höchstes ist die Liebe". Ja Liebe und Tugend, das ist die Hauptsache in vielem Thränenthal".

Gewiß, gewiß", meinte Adelheid und wollte weiter. Ach, warten Sie doch, Fräulein Adelheid, wir haben j ja einander so lange nicht mehr genossen, seit ich Ihre ! Jugendlehrerin gewesen bin, und habe doch schon so lange

gewünscht, Ihnen mein Herz auSzuschütten. Ach, wenn Sie erst wüßten, wie ein gewisser Anderer glücklich sein würde, ein solches Abendroth mit Ihnen zu verleben"! Ei, ist'S wahr" ? lachte Adelheid übermüthig, hielt aber doch wieder gleichen Schritt mit Jungfer Elise. Ja, und wenn Sie wüßten, was für ein vorzüglicher Mensch Ihnen sein Herz zugeeignet hat, und Sie lieber hat als die ganze Welt" !

Adelheid wußte gar nicht, wie sie sich bei dieser un* i vorherrschenen Erklärung verhalten solle, sie sah die ' Liese ungläubig an und sand eS unbeschreiblich keck, daß die eS wage mit ihr von solchen Dingen zu sprechen; indessen machte sie keine Miene davonzulaufen, so daß die Liese ganz beherzt fortsuhr:Denken Sie denn gar nicht mehr an bei: Sebastian, meiner Schwägerin, der Son- nenwirthin, Bruderssohn, der ja hier ausgewachsen ist, an den Sebastian, der schon einmal vom Gymnasium auS mich besucht hat, da Sie noch in die Strickstunde zu mir kamen, an den Sebastian Mezger"?

Nein, Adelheid hatte nicht an den Sebastian Mezger gedacht, ganz und gar nicht.Aber er hat ja schon dreimal einen Besuch in Ihres Herrn PapaS Hause ge­macht", fuhr die Liese fort,und seit er Sie das letztemal gesehen, kann er eben gar nicht mehr anders und meint es müsse sein". Aber er kennt mich ja gar nicht"! sagte in höchster Verlegenheit Adelheid, der daS Ding nachgerade zu ernsthaft wurde.DaS meinen nur Sie, Sie wissen nicht, wie viele lange Jahre der Sebastian seine Gemüthsbewegung auf Sie gerichtet hat, wie er Tag und Nacht nichts anderes sinnt. Sie wissen ja, wie geschickt er ist und im Eramen über Alle hinaufgekommen, so daß ihn sein Pfleger hat studiren lassen, und daß er jetzt ein Doktor ist, ein rechter Menschenvoktor in Dachs­hausen. Schon da Sie noch als kleines Mädchen bei mir in der Strickschule saßen, waren Sie ihm so wichtig.