Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 145.
Die etruskische Vase.
(Fortsetzung und Schluß.)
Saint-Clair stürzte auf die Knie nieder und brach n einen Freudenschrei aus; ergriff die Hand der Grä« in und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Mathilde, auf's Höchste erstaunt, glaubte anfänglich, er sei unwohl. Saint-Clair konnte kein Wort herausbringen als: „Vergib mir ! Vergib mit" ! Endlich stand er auf; sein Ant- itz strahlte; in diesem Augenblicke war er glücklicher als an dem Tage, wo Mathilde ihm zum ersten Male sagte: Ich liebe dich.
„Ich bin der wahnsinnigste, der schändlichste aller Sterblichen", rief er; „seit zwei Tagen hatt' ich dich im Verdacht.... und ich habe keine Verständigung mit dir gesucht" I
„Du .... mich im Verdachte?- Und in welchem"?
„O, ich bin ein Elender! .... Man hat mir ge« gesagt, du hättest Massigny geliebt, und . . . ."
„Masfigny"! und sie lachte hell auf; aber augenblicklich zum Ernste zurückkehrend, sagte sie; „Adolf, bannst du so verblendet sein, einen derartigen Verdacht |u hegen, und so heuchlerisch ihn zu verheimlichen? Und «ne Thräne füllte ihre Augen.
„Vergib mir, ich beschwöre dich"!
„Wie sollt ich dir nicht verzeihen, bester Mann? Aber erst muß ich dir schwören .. . ."
„O, kein Wort, kein Wort; ich glaube dir".
„Aber um'S Himmels willen, welche Gründe sonn» «n dich bestimmen, etwas so Unwahrscheinliches zu Skuben" ?
„Nichts, nichts auf der Wrlt, als dieser vcrmalc- btite Kopf.... und .... siehst du, jene etruskische Ne.... ich wußte, daß Massigny sie dir geschenkt hat".
Die Gräfin faltete mit dem AuSbrucke deS Erstaunens die Hände; dann sagte sie hell auflachend ; „Meine etruskische Vase! Meine etruskische Vase"!
Saint-Clair konnte sich selbst deS Lachens nicht enthalten, obwohl ihm die dicken Thränen über die Wangen liefen. Er faßte Mathilde in seine Arme und sagte: „Ich lasse dich nicht los, bis du mir vergeben hast".
„Ja, ich vergebe dir, Thor der du bist", und sie umarmte ihn zärtlich. „Du machst mich heute recht glücklich ; eS ist das erste Mal, daß ich dich weinen sehe, und ich glaubte, du könntest gar nicht weinen".
Dann wand sie sich auö seinen Armen loS, ergriff die etruskische Vase und zerschmetterte sie am Fußboden in tausend Stücke. (ES war ein seltenes, unedirteS Stück, mit einer Malerei in drei Farben, welche den Kampf eines Lapithcn gegen einen Zentauren darstellte.)
Saint-Clair war einige Stunden lang der glücklichste und verschämteste aller Sterblichen.
„Nun" ? fragte Ropuantin Abends bei Tortoni den Obersten Beaujeu, „ist die Geschichte wahr"?
„Nur zu wahr", antwortete der Oberst traurig.
„Erzählen Sie doch, wie ist eS zugegangen" ?
„O, sehr gut. Saint Clair sagte mir gleich, er habe Unrecht, aber ehe er sich entschuldigte, wollte er The'mi- neS erst einen Schuß thun lassen. Das konnte ich nur gutheißen. TH6mineS wollte, daS LooS solle über den ersten Schuß entscheiden; Saint-Clair bestand darauf, daß ThemineS den Vorrang haben müsse. ThemineS feuerte; ich sah, wie Saint-Clair sich umschwenkte, und dann stürzte er zu Boden, mausetodt. Diese seltsame Umschwenkung vor dem Tode hab' ich schon bei vielen Soldaten bemerkt, bie von einer Kugel getroffen wurden".
„Sehr merkwürdig", versetzte Roquantin; „und TH6, mineS? Was machte der"?