Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 137.
Die etruskische Vase.
(Fortsetzung)
Glückliche Liebende sind beinahe eben so langweilig wie unglückliche. Einer meiner Freunde, welcher sehr häufig in einer dieser beiden Situationen sich befand, konnte nie ein anderes Mittel finden, sich bei mir Gehör zu verschaffen, als indem er mir ein ausgesuchtes Frühstück gab, während dessen er die Freiheit hatte, von seinen Liebschaften zu reden; sobald wir den Kaffee eingenommen hatten, mußte das Gespräch unbedingt gewechselt werden.
Da ich unmöglich alle meine Leser zum Frühstück einladen kann, so will ich sie mit Saint-Clair'S verliebten Träumen verschonen. Zudem kann Niemand anhaltend in den Wolkenregionen auSdauern. Saint-Clair Var müde, er gähnte, reckte die Arme, sah, daß es Heller Tag war, und daß er endlich einmal an's Schlafengehen denken müsse. Als er aufwachte, sah er auf seiner Uhr, daß er kaum noch Zeit hatte, sich anzukleiden und nach Paris zu eilen, wo er mit mehreren jungen Leuten seiner Bekanntschaft zu einem Frühstück eingeladen war.
Man hatte eben eine neue Flasche Champagner ent- stöpselt; die wievielte überlasse ich dem Leser zu bestimm ölen. Nur so viel sei ihm gesagt, daß man bereits auf jenen Punkt — welcher bei einem Junggesellen-Frühstücke Ickten lange auf sich warten läßt — gediehen war, wo Alle zu gleicher Zeit sprechen wollen und die Nüchternen für die Unnüchternen besorgt zu werden anfangen.
„Ich wollte", sagte Alfons von Thamines, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ, von England zu sprechen, „ich wollte, eS wäre hier wie in London Mode, M jeder einen Toast auf seine Dame ausbringen müßte. Auf die Art würden wir einmal zuverlässig erfahren, für
wen unser Freund Saint-Clair seufzt"; und mit diesen Worten füllte er sein und seiner Nachbarn Gläser.
Saint-Clair schickte sich mit einiger Verlegenheit zu einer Antwort an, aber JuleS Lambert kam ihm zuvor r „Mir gefällt diese Sitte ausnehmend", sagte er, „und ich nehme sie an" ; dann sein GlaS emporhebend : „Auf das Wohl aller Pariser Modistinnen, mit Ausnahme der dreißigjährigen, der einäugigen und der hinkenden"!
Hurrah! Hurrah! riefen die jungen Anglomanen. Saint-Clair erhob sich mit dem Glase in der Hand. „Meine Herren", sagte er, „mein Herz ist nicht jo weit wie das unseres Freundes Jules, aber eS ist beständiger. Und meine Beständigkeit ist um so verdienstlicher, alS ich seit langer Zeit von dem Gegenstände meiner Sehnsucht getrennt bin. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß ihr meine Wahl billigen werdet, sofern Ihr nicht etwa bereits meine Nebenbuhler seid. Es lebe Judith Pasta, meine Herren! Mögen wir bald die erste Schauspielerin Europas wiedersehen" !
ThemineS wollte den Toast kritisiren, aber der allgemeine Beifall unterbrach ihn. Saint-Clair glaubte sich, nachdem er diesen Stoß glücklich parirt hatte, für heute kampffrei.
Die Unterhaltung wandte sich zunächst auf die Theater; die Theaterzensur diente als Verbindungsglied, um zur Politik überzugehen. Vom Herzog von Wellington kam man auf die englischen Pferde und —vermöge einer leicht begreiflichen Jveenverkettung — auf die Frauen zu sprechen; denn für junge Männer gibt eS keine wünschens, werthere Gegenstände als zuerst ein Pferd, und demnächst eine hübsche Geliebte.
Dann erörterte man die Mittel, diese beiden wün, schenSwerthen Gegenstände zu erlangen. Pferde lassen sich kaufen ; auch Frauen lassen sich kaufen; aber von denen wollen wir nicht sprechen. Saint-Clair, nachdem er