Hiermit war das Unglück noch nicht zu Ende. Denn eS erhob sich ein heftiges Schneegestöber, welches in einer Steppe, auf der sich die Reifenden befanden, höchst gefährlich werden konnte, da es Menschen und Pferde erblinden macht und jede Spur eines Weges vertilgt. Man mußte sich daher nach einer Herberge umthun und entdeckte endlich eine Meierei, welche dem Fürsten Czar- toriski gehörte.' ES war eine elende Hütte von einem einzigen Gemache. Mit Mühe wurde sie nur einigermaßen wohnlich für die Königin gemacht, die indeß im Wagen bleiben wollte. Es gab nur einen einzigen zerbrech, lichen Stuhl, auf den die Königin sich niederließ, während der Hof sich in dumpfem Schweigen, so gut es ging, um sie herum placirte. Die alte Ehrendame war geradezu „demoralisirt". Die einzigen Lebensmittel, die man aufauftreiben konnte, waren einige nicht mehr frische Eier.
Dieser unangenehme Zustand wurde höchst unerwartet verändert. Man hörte bas Schellen einer Glocke, und einen Augenblick nachher erschienen zwei Lanzen- männer mit Mantelsäcken und Briefschaften für die Königin. Sie kamen direkt aus Sicilien, von woher seit sechs Monaten keine Nachricht an sie gelangt war. Diese L'berraschung erfüllte Alle mit Freude und verscheuchte den Trübsinn. Die Königin zog sich hinter einen Verschlag zurück und ließ sich bis Früh vor Niemanden sehen.
Der folgende Morgen war kalt, aber rein und heiter ; der Sturm hatte sich gelegt. Als die Königin er. schien war sie ernst; sie winkte ihrem Gefolge zur Abreise ohne ein Wort zu sprechen. Als man abfuhr brach sie nach zwei Minuten daS Schweigen, und dankte St. -Priest für die Ehrfurcht die er ihr erwiesen. „ Was ich that war nur gering", erwiderte dieser, „Ew. Majestät werden erst bei der Rückkehr in Ihre Staaten würdig empfangen werden". „Meinen Sie" ? rief die Königin bitter aus, „Sie wissen nicht, daß die Depeschen, welche ich gestern erhalten mir verboten nach Wien zu kommen. Aber ich gehorche nicht, ich will sehen ob man die letzte Tochter Maria Theresia'S aus Schönbrunn vertreiben wird".
Sie ging in der That direkt nach Wien als habe sie den Befehl nicht erhalten, und Keiner wagte ihr einen neuen einzuhändigen.
St. -Priest sah sie 1814 hier wieder; sie war sehr verändert. „Sie erkennen mich nicht mehr", sagte sie zu ihm, „ich bin entmuthigt, man überhäuft mich hier mit Aufmerksamkeiten; aber ich bin Jedermann zur Last; ich habe zu lange gelebt".
Ihre Lage war in der That sehr traurig. Die Verbündeten schwankten lange zwischen Murat und König
Ferdinand. Die Königin antwortete auf die Trostsprüche St.-Priest'S nur mit einem melancholischen Lächeln. Einen Monat später starb sie in dem kaiserlichen Schlosse Haimburg bei Wien, und zwar durch eine seltsame Fügung des Schicksals in demselben Zimmer in dem sie 62 Jahre früher geboren worden war.
Miszellen,
Eine sehr merkwürdige Entdeckung ist neulich in der Provinz Bulgarien gemacht. Einige griechische Arbeiter, die in der Nähe der Stadt Hadzar bei dem Dorfe Rahmenileah gruben, fanden eine große Tafel graufarbigen Marmors; ste entfernten sie und entdeckten eine ganz ähnliche darunter. Unter dieser erblickten ste dann eine große Zahl wie Gold und Silber blitzende Gegenstände. Sie eilten zu dem Kapitän dieser Gegend, der mit zwei Geistlichen eine Prüfung unternahm. Sie sanden das Skelet eines Mannes von großem Wüchse, ein Kupserhelm auf seinem Haupte, der mit einer dünnen Goldkrone verziert war. Hände und Arme bis zu den Ellenbogen trugen an einigen Stellen Flecken von dunkelgelber Farbe. In der Rechten lag eine Kette mit einer Weihrauchbüchse; den dritten Finger der linken Hand umschloß ein golbner Ring, der in römischen Charakteren die Zahl 969 angab. Neben dem Skelet fand man 3 sehr glänzende silberne und 26 eiserne Schalen, die zwar rostig waren, aber Spuren der Vergoldung trugen. Ferner fand man eine Menge Nägel und 500 Pfeile, an denen das Holz verfault, die Spitzen verrostet waren. Das Skelet und die verschiedenen Gegenstände wurden .sorgsam eingepackt und zu weiterer Untersuchung nach Adrianopel gesandt.
*
Man schreibt aus Amerika, daß von einer Handelsercursion nach Japan die Rede ist, welche den Zweck hat, dieses reiche Land von 40 Millionen Einwohnern der ganzen Welt zu eröff' nen. Auch geht man mit dem Plane um, eine Dampfschiffslinie von vier Schiffen zwischen San Francisko und China herzustellen. Kommt diese regelmäßige Verbindung zu Stande, so wird sie ohne Zweifel die industrielle Eroberung eines großen Theils von China und Japan nach sich ziehen. Man nimmt an, daß die vulkanischen Gebirge im Innern der großen japanischen Insel Niphon eben so viel Gold enthalten, als Kalifornien.
Tageschronik.
13. Juni 1849. Insurrektion in Paris.
Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb und Kraft an Kraft zernichtet.
(Die Räuber lr Auf;., lr Austr.)
Verantwortlicher Redakteur: Dr. A. Boczek.
Druck und Verlag der L. Schelleuderg'schea HVf-> Buchhandlung in Wiesbaden.