Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 136.
Die etruskische Vase
(Fortsetzung)
Alles in Allem gerechnet war Saint-Clair ein Mann, mit dem sich schon leben ließ. Seine Fehler schadeten Niemandem als ihm selber; er war gefällig, oft liebens, würdig, selten langweilig. Er war viel gereist, hatte viel gesehen, hatte viel gelesen und sprach nie von seinen Reisen und seinen Büchern, als wenn er gefragt wurde. Ucbrigens war er groß, wohlgewachsen, von edler und geistreicher Gesichtsbildung, und, obwohl fast immer ernst, doch im Besitze eines sehr anmuthigen Lächelns.
Ich habe eine Hauptsache vergessen. Saint-Clair war gegen alle Frauen sehr ausmerksam, er suchte ihre Unterhaltung mehr, als die der Männer. Liebte er? DaS war schwer zu entscheiden. Nur das eine wußte man, daß wenn dieses kalte Herz Liebe fühlte, die hübsche Gräfin Mathilde de Coursy der Gegenstand seiner Bevorzugung sein mußte. Mathilde war eine junge Wittwe, in deren Hause man ihn als einen fleißigen Besucher sah, und um auf ein vertrauliches Verhältniß zwischen beiden zu schließen, besaß man folgende Indizien: Erstens Saint-Clair'S fast zeremonielle Höflichkeit gegen die Gräfin; zweitens feine Affektation niemals in Gesellschaft ihren Namen auszusprechen, oder wenn er sich gezwungen sah, von ihr zu reden, ihr nie auch nur das geringste Lob zu spenden; drittens hatte Saint-Clair, ehe er ihr vorgestellt wurde, leidenschaftlich die Musik geliebt, und die Gräfin war eine eben so eifrige Freundin der Malerei gewesen. Seitdem sie sich gesehen hatten, war ihr Geschmack wie umgewandelt. Schließlich hatte die Gräfin vergangenes Jahr das Bad besucht, und sechs Tage nach ihr war Saint Clair ebendahin abgereist.
Meine Pflicht als Geschichtschreiber nöthigt mich zu der Erklärung, daß in einer Julinacht, wenige Augen
blicke vor Sonnenaufgang die Pforte eines Schloßparkes : auf dem Lande sich öffnete und aus derselben ein Mann I mit aller Vorsicht eines scheuen DiebeS hervortrat. DaS ‘ Landhaus gehörte der Gräfin de Coursy, und der Mann war Saint-Clair. Eine Dame, in einen Pelzüberwurf gehüllt, begleitete ihn bis an die Thüre und steckte den Kopf hinaus, um ihn mit ihren Blicken begleiten zu können, als er auf dem Steige, welcher an der Mauer des Parks entlang lief, sich entfernte. Saint-Clair blieb stehen, schaute vorsichtig umher und winkte der Dame mit der Hand, inS Haus zu gehen. In der hellen Sommernacht konnte er deutlich ihr blasses Gesicht erkennen, daS unbeweglich an derselben Stelle ausharrte; er drehte sich um, lief zu ihr zurück und schloß sie zärtlich in seine Arme. Er drang in sie, heimzugehen, aber sie hatte ihm noch hundert andere Dinge zu sagen, ihr Gespräch währte schon zehn Minuten; da hörten sie die Stimme eines Bauern, der bereits auf'S Feld zur Arbeit ging. Ein Kuß — die Thüre fiel zu, und Saint-Clair war mit einem Sprunge den Steig hinab.
Er folgte einem Wege, welcher ihm wohl bekannt schien. Bald sprang er fast hoch auf vor Freude, und schlug im Laufe mit seinem Stock auf die Büsche; bald stvnd er still oder ging langsam und schaute in den Himmel, der im Osten sich mit Purpur färbte. Mit einem Worte, wer ihn sah, mußte ihn für einen ausgebroche, nen Tollhäusler halten. Nach einem halbstündigen Marsche stand er vor der Thüre eines kleinen einsamen Hauses, das er für die Jahreszeit gemiethet hatte. Er drehte den Schlüssel, trat ein und warf sich auf ein großes Kanapee. Da lag er, die Augen offen, ein süßes Lächeln auf den Lippen, und träumte, wach wie er war. Nur selige Gedanken traten vor seine Seele. „Wie glücklich bin ich" ! sagte er unaufhörlich vor sich hin. „Endlich ein Herz, daS mich versteht! .... Ja, ich habe mein Ideal gefun-