Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung.
1851. — 3f 135.
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Die etruskische Vase.
AuS dem Sonntagsblatt zur Weser - Zeitung.
Avolf Saint - Clair war bei der sogenannten Welt wenig beliebt, und zwar vornehmlich aus dem Grunde, weil er nur den Leuten zu gefallen strebte, die ihm selber gefielen. Er suchte die einen auf und mied die andern, war auch im Allgemeinen trag und zerstreut. Eines Abends, als er aus der italienischen Oper kam, fragte ihn die Marquise A*, wie Henriette Sonntag gesungen habe. „O ja, gnädige Frau", antwortete Saint-Clair, ber an etwas ganz anderes dachte, mit einem verbindlichen Lächeln. Auf Rechnung der Schüchternheit konnte man diese lächerliche Antwort nicht schreiben, denn er sprach mit einem großen Herrn, mit einem berühmten Manne und selbst mit einer fashionablen Dame stets mit demsel- Aplomb, wie mit seines Gleichen. Die Marquise urtheilte, daß Saint-Clair ein Ausbund von Ungeschliffenheit und Abgeschmacktheit sei.
Madame B* lud ihn eines Montags zu Tische. Er unterhielt sich viel mit ihr und erklärte nachher, nie eine liebenswürdigere Frau gefunden zu haben. Madame B* Pflegte einen Monat lang bei anderen Leuten Witz und Geist anzusammeln und ihren Vorath dann in einer ihrer Soireen wieder an Mann zu bringen. Saint-Clair sah sie am Donnerstag derselben Woche wieder. Diesmal langweilte er sich ein ^venig. Ein dritter Besuch ver, Mochte ihn zu dem Entschlusse, in ihrem Salon nicht wieder zu erscheinen. Madame B* erklärte, daß Saint-Clair tin junger Mann ohne Welt, ein Mensch vom allerschlechtesten Ton sei.
Er hatte ein zartfühlendes und liebevolles Herz mit auf die Welt gebracht, aber sein tiefeS Gemüth hatte ihm »trabe in dem Lebensalter, dessen allzuleicht empfangene
Eindrücke für das ganze Leben auszudauern pflegen, die Spötteleien seiner Kameraden zugezogen. Und er war stolz, ehrgeizig; er hing von der Meinung Anderer ab, gleich den Kindern. Bald machte er eS sich zum Studium, alle Aeußerungen eines Gefühls zu unterdrücken, das er wie eine unwürdige Schwäche ansah, und er erreichte sein Ziel, aber sein Sieg kam ihm theuer zu stehen. Allerdings war er nun im Stande, bi? Wallungen seines allzuweichen Herzens vor Anderen zu verbergen, aber, indem er sie in seinen Busen zurückdrängte, steigerte er ihre quälende Gewalt hundertfältig. Während er in der Welt den traurigen Ruhm der Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit gewann, schuf ihm in der Einsamkeit seine rast- lose Seele tausend Foltern, die um so grausamer waren, da er ihr Geheimniß keinem Menschen hätte mittheilen mögen.
Es ist wahr, einen Freund zu finden ist sehr schwer!
Schwer? Ist eS überhaupt möglich? Hat eö je zwei Menschen gegeben, welche niemals ein Geheimniß vor einander hatten? Saint-Clair glaubte nicht recht an die Freundschaft, und das blieb nicht unbemerkt. Man fand ihn kalt und zurückhaltend gegen die jungen Leute der Gesellschaft; er fragte nie nach ihren Geheimnissen, und für sie waren wieder alle seine Gedanken und die meisten seiner Handlungen ein Mysterium. Die Franzosen sprechen gern von sich selbst, und Saint-Clair war denn auch wider seinen Willen zum Aufbewahrer mancher vertraulichen Mittheilungen geworden. Seine Freunde — d. h. die Leute, welche er zweimal in der Woche zu sehen Pflegte — beklagten sich über seine Verschlossenheit; denn wer ohne Aufforderung uns in den Besitz seines Geheimnisses setzt, fühlt sich gemeiniglich gekränkt, wenn er nicht dafür auch daS unfrige erfährt. Die Leute bilden sich ein, in der Indiskretion müsse Gegenseitigkeit statifinden.