Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 133
Das weifi nur Sie.
(Manuskript.)
Erst war ich so arm und nun bin ich so reich Und kann mich vor Freude nicht lassen, Drum tonet auch jubelnd mein Liedchen sogleich Weithin durch die holprigen Gassen. Doch wie eS gekommen, errathet ihr nie, Trala! Trali!
Denn wie es gekommen, das weiß nur Sie!
Ja brummt nur und runzelt bedenklich die Stirn:
„Man steht es an Blick und Geberden, Mit dem ist's nicht richtig, dem spukt eS im Hirn, WaS soll das am Ende noch werden"? Herzliebe Philister, das rathet ihr nie, Trala! Trali!
Denn was wird es werden, daS weiß nur Sie!
Kommt, füllet die Gläser, rückt näher heran, Ein donnernd Hoch soll erklingen ' So trinkt doch! Was glotzt ihr so fragend mich an? Ihr müßt schon die Neugier bezwingen. Denn, wem eS gegolten, errathet ihr nie, Trala! Trali!
Den» wem es gegolten, das weiß nur Sie!
Iulius Sturm.
Georg Volker.
(Fortsetzung)
Und Anuli?
Er war todt! Niemand im Hause hatte eS ihr gesagt, Niemand eS ihr geklagt, und doch wußte sie eines Tages auch ohne Tranerkunbe: Er war todt, war längst gestorben , den sie liebte, und man hatte cs ihr nur datum so lange verheimlicht, weil man glaubte, daß sie eS nimmer ertragen werde.
Wie Annii zur Kenntniß von Georg's Tode kam, können wir eben so wenig mittheilen, alS unsere Feder das Gefühl zu schildern vermag, womit sie endlich auS ihrer glücklichen Täuschung zur Wirklichkeit erwachte und plötzlich inne ward, daß sie noch im Licht der Sonne wandelte , noch an das Glück ihrer Liebe glaubte, während doch Sonne und Liebesglück ihr längst in düsterer GrabeSnacht unlergegangen waren, und nur noch, wie die herbstliche Natur selber, in holder Täuschung des Daseins fortbestanden, nachdem ihnen längst der TodcS- kuß deS Lebens blühende Farbe abgestreift hatte.
Sie weinte nicht, sie klagte nicht; ja eS schien fast, als hätte sie mir der sichern Gewißheit von Georg'S Tode auch ihr ganzes sicheres Wesen wiedergefunden, könne nun erst wieder die Welt verstehen und ihr Herz befreien von den Täuschungen und dunklen Gewalten, denen es so lange erlegen war. Vielleicht war eS eben die Größe ihres Schmerzes, der so ganz ihre Seele ausfüllte, daß diese fest und stark blieb bei einer Gewißheit, von der man noch jüngst für ihr zartes Leben daS Aeußerste befürchtet hatte; vielleicht aber war eS auch neben dem großen Schmerz der bereits überwundene Schmerz , was ihr die Kraft verlieh, meinem Gefühl daS Schrecklichste zu erleiden und zu tragen.
»Ihr hättet mir das gleich sagen sollen", war AlleS, waS sie den treuen Lilien erwiederte, als diese staunend und erschreckt zugleich von so viel Ruhe und Festigkeit, sich beeilten, mit ihren längst vorbereiteten Tröstungen, ihren frommen Gebeten und Psaltersprüchen daS geliebte Kind zum standhaften AuSharren zu ermuthigen und daS so schwer Getroffene mit sanften Armen aufzurichten. Aber Annli blieb auch so stark und aufrecht, ja, ihre Gestalt schien höher, ihr Gang, ihre Haltung sicherer als zuvor, und in ihren Zügen lag etwas so tief Heiliges und Geweihtes, daß selbst daS Trostwort der Religion scheu auf