Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 131.
Streitlied
Die Zeit ist ernst, — die Zeit ist schwer, ES rüstet fich schon Gottes Heer Zum Kampf der letzten Zeilen;
Es winkt der Herr, — nur frisch vertraut, — Hinauf, hinauf, zum Kreuz geschaut, Und kühn hinaus zum Streiten!
Er selbst der Heiland, führt uns an;
— Mein Lieb, auch ich muß auf den Plan Zum ernsten Kampfe treten. Und du, — ein Weib —, was kannst du thun? Mußt du, derweil ich streite, ruhn? Mein Lieb, du kannst ja beten!
Ja bete, bete nur für mich
Und glaube, es erhöret dich Der Herr, der treu es meinet. Erquickung ist mirs wunderbar, Daß im Gebete immerdar Du bist mit mir vereinet! —
G. Ch. D.
Georg Volker.
(Fortsetzung)
Ich sehe in keinem Moment Ihres Daseins einen Grund zum Verzweifeln", sprach Eugenia weiter; „was Sie erlebten, haben Tausende vor Ihnen erlebt und blie- ben doch sich selbst getreu, — kommen Sie, Georg, — Sie haben Recht, diese Bahn ist für Sie zu steil und schwindlich, an meiner Hand sollen Sie bald einen leich- leren Weg finden, Menschen von Ihrem Werthe der Seele, ^h Ihrem Abel des Herzens gehören ins helle sonnige Glück; nehmen Sie's denn in Gstteö Namen aus mei- ^ Hand, Georg; eS ist Segen darin, denn mein Herz
ist nicht ärmer als meine Hand, und wie ich eS mir längst geschworen habe, so schwöre ich eS jetzt Ihnen: Georg Volker soll sein der glücklichste Mann , wenn der Besitz Eugeniens ihn dazu machen kann! Sei mein, Georg, o sei mein! Ich liebe Dich gränzenlos und würde aufhören zu sein, wenn ich nicht lieben könnte, wie ich wollte"!
Er wußte nicht, ob er träume oder wache, und ebensowenig halte er eine deutliche Vorstellung von dem, waS bei diesen Worten Eugeniens in seiner Seele vorging; er hörte daS reizende Bekenntniß ihrer Liebe; eine lichte Vision stand ihre reine Erscheinung vor ihm, und all der Goldglanz, den daS Abendroth in diesem Augenblick durch die Ruine warf, schien von ihr auSzustrahlen; fast allzu, mächtig war der Eindruck, womit er ihre Worte vernahm, deren jed^S in seiner Seele einen Himmel von ungeahntem Glücke aufthat; und wie vor einer Gottheit sank er auf die Kniee nieder, ohne für das unaussprechliche Gefühl seiner Brust ein anderes Wort, ein anderes Gebet zu finden als den Namen Eugenia.
„Eugenia! Eugenia"! stammelte er im höchsten Entzücken und wie ein Schleier sank es von seinem Geiste; er fühlte, er wußte, waS ihn seit Jahr und Tag so elend gemacht und den Glauben an sein Glück zerstört hatte; gesunden war das Losungswort seines Schicksals, das ihn wie durch Zauberspruch seinem ganzen seitherigen Dasein entrückte und in eine völlig neue Welt versetzte, die er vergebens bis dahin auf allen Meeren seiner Sehnsucht, an allen Gestaden seiner Hoffnung gesucht hatte. Wie in trüben nachtumflorten Nebelgebilden versank hinter ihm Alles, was an Schmerzen, Täuschungen und Verhängnissen seine Vergangenheit ausmachte und in lichten Höhen der Seligkeit blieb er allein mit ihr zurück, mit ihr, die ihm in dem Geständnis) ihrer Liebe, den goldnen Zauberschlüssel zu dem so lange unbekannt und unverstanden