Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — M 188.
Georg Volker.
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Georg dachte nicht mehr an den Zweck seines Hierseins ; nach einem unter Spannung unruhvoll durchleb- ten Tage that ihm diese Stille der Umgebung unendlich wohl; und am Ende hatte ihn auch Waldemar nur darum allein hierher beschieden, damit er wieder einmal mit sei' nem Herzen zur Ruhe kommen und sich auf alles Das zurückbesinnen möge, waS zwischen heute und jener Stunde lag, wo er sich auf derselben Stätte über seine künftige LebenSbestimmung entschieden hatte.
Und waS lag nicht Alles zwischen heute und da, malö ! Wie war aus dieser LebenSbestimmung im Wechsel der Geschicke eine so ganz andere geworden, von der er damals noch keine Ahnung gehabt halte; wie verschieden von dem, waS er hatte sein, und mehr noch, waS er hatte werben wollen, war nicht sein gegenwärtiges Leben und Streben!
So vergräbt der Mensch für todt und dahin in sich selber, was ihm einst als lebendiges Gefühl die Brust schwellte; merkt nicht den leisen Uebergang aus einem Dasein in'S andere; denn über dem neuen Bauen und Echaffen sinken ihm die alten Werke und Resultate seines ©eifteö in Vergessenheit und immer drängt ein anderes Wollen und Begehren das Erreichte und Gewonnene in den Hintergrund zurück. DeS Herzens Sehnsucht altert dicht, wohl aber stirbt Blüthe auf Blüthe von ihrem Frühling dahin und waS wir Beständigkeit nennen und Ruhe in uns, ist im Grunde nur der unmerkliche Wandel aller Dinge in unserm äußern und innern Leben. Riemand kann sagen: Der war ich gestern, der bin ich heute; neue Bahnen leiten unS zu neuen Zielen, und ^dS fernste führt oft am weitesten in die Irre. Nur am
Scheideweg deS Herkules begegnens wir wohl zuweilen dem alten Menschen, der wir waren'; aber auf seine Frage: Wohin? ist oft noch schwerer zu sagen.
„Da sind Sie ja schon" ! sagte plötzlich eine»wohl« bekannte Stimme zu dem Träumer mit wachen Augen, und wie er sich umschaute, stand Eugenia vor ihm. Sie gab ihm die Hand, noch eh' er sich zum Gruße erheben konnte, so verwirrt machte ihn ihre Erscheinung, fast noch mehr als ihre Anrede, die ihm sagte, daß sie um seinetwillen hier sei.
„Comtesse Eugenia — Sie kommen zu mir" ; stotterte Volker, vom Sitze aufspringend und drückte mit scheuer Lippe einen bebenden Kuß auf die ihm so freundlich gereichte Hand.
„Ich habe Sie warten lassen, da ich Sie nicht früher hier vermuthete", sagte sie hierauf. „Vetter Waldemar vergaß wohl, Ihnen zu schreiben, daß ich Punkt fünf Uhr da sein würde".
Volker sah sie staunend an.
„Sie sind wohl noch ein Bischen im Unklaren über seinen Brief und mein Erscheinen", fuhr sie fort; „darum will ich Ihnen nur gleich sagen, daß ich statt Walvemar'S hier bin, der zu Ihnen geeilt wäre, wenn ihn nicht seine Pflicht anders wohin gerufen härte. Da übernahm ich's, Sie zu sprechen, und nun* — fügte sie tief athmend hinzu, wobei ein dunkler Purpur ihr Antlitz bedeckte, — „gotliob, nun bin ich bei Ihnen" !
Georg stand noch immer wie traumbefangen vor der jungen Gräfin; seit dem Tage, da er sie im Schlosse zum lebten Mal gesehen, schien sie ihm eine Andere geworden, höher an Gestalt, verklärter ihr Blick, ihre Miene reizender und edler die ganze strahlende Erscheinung, als sei nun erst ihre Schönheit zum vollen Liebreiz der Jugend und Jungfräulichkeit aufgeblüht.