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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. JVi 1S7

Georg Volker.

Zu spät!

Es war zu derselben Nachmittagsstunde, in welcher der Major auf die erhaltene Nachricht von der Niederlage des Streifkorps am grauen Stein und dem Anrücken der siegreichen Bauernschaaren unter GermanoS und dem Hauptmann Bärenhorst, mit seiner gesammten Streitmacht von Nellenburg aufbrach, um sich nicht nur mit dem re- tirirenden Korps zu vereinigen, sondern auch womöglich dem weiteren Vordringen der Rebellen durch kräftigen Widerstand Einhalt zu thun; Volker harrte auf seinem Hofe ungeduldig von einer Stunde zur andern auf die verheißene Botschaft von GermanoS; da sah er plötzlich, es mochte gegen 4 Uhr sein, einen Reiter in gestrecktem Galopp vom Dorfe her um den Berg herum seinem Hofe zusprengen. In der sichern Erwartung, daß eS der von GermanoS abgesandte Bote sei, eilte er an daS Thor, war aber nicht wenig erstaunt, als nach einigen Augen« blicken eine Ordonnanz erschien, die ihm von dem Major einen Brief überbrachte, worauf der Soldat ebenso eilig wie er gekommen, wieder zurücksprengte.

Der Brief, von dem Major geschrieben, jedoch ohne NamenSunterschrift, enthielt die dringende Aufforderung, Volker solle sich unverweilt nach Empfang dieser Zeilen auf die Schloßruine verfügen, wo Jemand ihm eine wich­tige Nachricht mittheilen werde.Aber kommen Sie allein, da die Sache Sie allein betrifft", schloß das Billet,

Dem Brief sah man die Eile an, in der er geschrie­ben, und deutlich stand in diesen flüchtigen Zügen, auch ohne ausdrückliche Erklärung zu lesen, daß Gefahr im Verzüge. Georg entschloß sich darum ohne Weiteres der Aufforderung zu folgen; er eilte hinauf in seine Stube; unterwegs kam ihm, er wußte selber nicht, woher, der

Gedanke, man wolle ihn vielleicht in eine Falle locken, und mit dem Hut griff er darum unwillkürlich nach einem geladenen Terzerol, das auf seinem Schreibtisch lag.

Ganz allein will ich wenigstens nicht kommen", sagte er und steckte die Waffe zu sich.

Zufällig fiel dabei sein Blick auf daS Bildniß seines Vaters; lebendig trat die Erinnerung an die Stunde, wo er damals den Grafen Leopold in der Schloß­ruine gesehen, vor seiner Seele und ahnungsvoll rief er aus;

Wer weiß, welches Geheimniß ich heute dort zu hö­ren bekomme! O Vater, könntest Du noch einmal wie in jener Stunde bei mir sein"!

In scharfem Trabe ritt er dann nach Nellenburg, stellte sein Pferd bis zu seiner Rückkehr dort ein und be­gab sich zu Fuß auf dem nächsten, sehr steilen Bergpfad nach der Schloßruine. Der Weg vom Dorfe bis hinauf mochte eine kleine halbe Stunde betragen und führte an dem Schloßgarten vorüber in einen herrlichen Duchenforst mit kühlichatngen Laubgängen. Dieser Wald war eigent­lich nur eine Fortsetzung deS gräflichen BoSquetS, und die Gartenkunst hatte sich hier mit der Waldkultur zur Schöpfung einer der reizendsten Parkanlagen vereinigt. Eine Menge Wege und Pfade, alle auf das Reinlichste erhalten und mit KieS bestreut, dazu an geeigneten Plä­tzen, bald im Schatten kühler Schluchten, bald auf freien Höhen angebrachte Ruhesitze und an den steilsten Abhän­gen sanft anlaufende Erdtreppen, boten dem Wanderer eben so viel Annehmlichkeit als Abwechslung, und ins­besondere überraschten daS Auge die vielen Waldlichtun­gen mit ihren Perspektiven, wie eben so viele vom Ma­ler auf Leinwand gezauberte liebliche LandschaftSbilber in dem stillvunklen heimlichen Waldrevier, wo allenthal, bcn unter den Moosfelsen kühle Quellen rieselten und die üppigste Vegetation hervorriefen.