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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. 1S4

Georg Volker.

(Fortsetzung.)

Auch Anneli wollte in diesem Jahre den Baum der Verheißung befragen und einen Tropfen ihres Blutes an die Kenntniß eines GlückeS fetzen, für daS sie mit Freu­den ihren letzten Blutstropfen hingegeben hatte. Aber fast fehlte ihr, nun eS die Ausführung galt, der Muth dazu; und schon hielt sie daS kleine Messer in der Hand und wagte doch nicht, ein Reis von dem verhângnißvol- kn Baum abzufchneiven. Ob's grünt, ob's welkt? Ueber diesem beängstigenden Zweifel wählt sie unter den vielen medcrhangenden Zweigen so lange, daß sie zuletzt vor lauter Fürchten und Hoffen zu keinem Rathe kommen konnte und beinahe im Begriffe war, ganz von dem ver­wegnen Plane abzustehen, der sie doch den langen Winter hindurch so angelegentlich beschäftigt hatte.

Ach, könnt' ich den Baum mit allen seinen Zweigen in die Erde senken, ReiS an Reis, und all mein Blut daran geben"! seufzte sie beklommen und von einem kal­ten Grauen beschlichen, daß ihr Zweig von so vielen glücklichen nicht grünen möge. Unentschlossen umwandelte sie mehrmals den Stamm, immer forschend und prüfend in die Höhe blickend, begierig und doch zaghaft wie ein Kind, daS nicht weiß, nach welchem süßen Stück am reichen WeihnachtSbaum eS zuerst greifen soll. Plötzlich blieb sie stehen, schaute rückwärts das Thal hinunter, dort wo der Grabenhof am Waldessaume lag und ihr mit seinen rothen Dächern und hellen weißen Giebeln wie die glückliche Verheißung selbst Trost zuwinkte. Die­ser Anblick gab ihr den Muth zurück und mit diesem hatte He das rechte Zweiglein gefunden. Schlank und gerade saß eS am alten Stamm und zwar dicht neben der Stelle, wo vor vielen Jahren ein Blitzstrahl an der Maricnlinde heruntergefahren war, wie man noch deutlich an der rauh­

gespaltenen Rinde und den Brandspuren sehen konnte; dort wuchs der Zweig, den sich Annli, nun sie wieder Muth bekommen und die abergläubische Furcht der aber­gläubischen Hoffnung gewichen war, auSerwählt hatte. Schnell setzte sie den Fuß auf einen hervortretenden Wur- zelknorren, ergriff mit der linken Hand den untersten Ast, schwang sich behende hinan, legte die Lippen fest wider die rauhe Baumrinde, flüsterte leise:Georg! Georg! Ge­org" ! und abgeschnitten war das Reis, daS ihrer Liebe grünen sollte! Zitternd, hochathmend hielt sie's in der Hand und betrachtete eS mit einem gemischten Ge­fühl von Grauen und Freude, als sie plötzlich einen Blutstropfen an dem Zweig bemerkte und jetzt erst sah, daß sie sich beim Schneiden leicht den Finger verwundet hatte. Erbleichend warf sie den Zweig zur Erde und rief in tiefem Erbangen:

Gott im Himmel, daS bedeutet nichts Gutes" !

ES währte eine Weile, bis sie sich soweit gefaßt hatte, daß ihr Verstand über ihre kindische Furcht siegte. Sie hob daS Reis vom Boden und sagte ermuthigt:

Jst's denn nicht mein Blut, daS ihn geröthet, und muß es nicht so sein? Warum zitt're ich denn? Der Zweig ist einmal abgeschnitten, und wie ich den Muth hatte, den Himmel zu versuchen, so will ich nun auch der treuen Muttererde vertrauen, daß sie mir dies Reislein grünen läßt".

Und nun noch einmal zum Baume emporschauend, sagte sie gerührt:Du lügst nicht, Maricnlinde, aber dies Herz lügt auch nicht".

Hierauf schritt sie sinnend dem Walde zu, um ir­gendwo ein verborgenes sicheres Plätzchen aufzusuchen, wo sie den Lindenzweig getrost in die Erde pflanzen könne. Sie ging immer waldeinwärts und kam zuletzt, nach einer halbstündigen Wanderung in einen alten dü­stern Föhrenwald mit tiefen Schluchten und klaffenden