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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ ISO

Georg Volker.

(Fortsetzung.)

Im tiefsten Herzensgrund aber blühen eigentlich nur die drei Lilien; er würde sich in Stücke hauen lassen, bevor er ihnen von fremder Hand ein Haar krümmen ließe, und so weit geht seine Tyrannei gegen sie, daß er nicht duldet, daß ein Anderer als er selber, sie krânlt und eonjonirt".

DieserStich" in ihm ist nur eine andere Sorte von Liebe, die den rauhen, weiberfeindlichen Hagestolzen noch in seinen alten Tagen Plagt, daß er den guten We­sen immer das Gegentheil von dem anthut, was er fühlt; damit sie niemals inne werden, wie treu und herzlich er ihnen mit Grund seiner Seele zugelhan sei.

Auch soll hier noch als eine Eigenthümlichkeit an ihm hervorgehoben werden, daß er noch nicht ein einziges Mal in seinem Leben einer der Schwestern mehr ILbeled gethan hat, als allen Dreien zugleich; nur in der Drei­zahl ist er ihnen furchtbar und plagt sie. Gegen Zwei von ihnen zeigt er sich schon viel milder und Einer allein geht er sogar knurrend und brummend auS dem Weg und thut, als sähe er sie nicht. Darum duldet er auch nicht, daß sie in seiner Gegenwart von ihrem Tode sprechen, denn stürbe eine, stürben gar zwei von ihnen, er wäre im Stande, der letzten noch in seinen alten Tagen als zärt­licher Seladon einen HeirathSantrag zu machen, so sehr liebt er in der Einen, was ihm an den Dreien fatal ist.

Sie haben zu Dreien Einen geliebt, so sollen sie auch zu Dreien an Einem sterben und verderben, Ba­sta"! sagt sich der Hauptmann und thut darnach sieben Tage in der Woche, macht dreihundertfünfundsechzig im Jahre. -

Sonst aber gibt es in der Welt nur einen Men­schen, bei dem der alte Bârenhorst sein wahres Gefühl

nicht zu verleugnen braucht, um ihn tödtlich zu hassen, und dieser Eine ist der Gras von Nellenburg. Woher sich diese Feindschaft schreibt, wie sie im Lauf der Jahre wuchs und an innerer Erbitterung wie an offenemZHaß zunahm, ist hier nicht der Ort zu erzählen.

ES genüge zu bemerken, daß das größte Uebel, das schrecklichste Mißgeschick, welches den Grafen heimsu­chen würde, immer nur gering wäre im Vergleich zu dem Schaden, den ihm sein unversöhnlicher Feind täglich und stündlich auf den Hals wünscht. Von diesem Gefühl eines tiefnagenden Grimmes verfolgt, läßt der Haupt­mann keine Gelegenheit vorbeigehen, seinem Todfeind Eins anzuthu». Er hetzt nicht allein die Bauern gegen den Standcöherrn auf, daß sie diesem, wo es in Recht oder Unrecht angehl, allen möglichen Trotz und Schaden zufügen; er greift sogar oft*selbst mit an, wenn es eine Feindseligkeit gegen den Grafen auszuführen gibt, schenkt den Wilddieben unter den Bauern Jagdgewehre, sammt Pulver und Blei, so viel sie dessen brauchen, daß sie dem Grafen NachtS in die Forste brechen, und ihm seinen Wilbstand vernichten. Denn nach des Alten Marime ge­hört das Wild dem lieben Gott und somit auch allen Menschen, und nur das Ungeziefer ist für den gnädigen Herrn allein; oder er stiftet die Bauern an, daß sie dem Grafen daS. Holz klafterweis aus dem Waide holen; denn wem der Schatten des Baumes gehört, dem gehört auch der Ast"; lauter Lebenöphilosopheme, die selbst der härteste Bauernschädel leicht und faßlich findet.

Ja, der Alte pürscht oft in eigner Person mit eini­gen vertrauten Wilddieben Nachts in den gräflichen Wäl­dern, oder schleicht wohl auch, wenn der Mono aufge­gangen, allein mit der Büchse auf den Anstand, nach der Gränze zwischen seinem und des Grafen Jagdrevier; und mancher feiste Bock, nach welchem dem gräflichen Herrn schon der Mund wässerte, wandert still und gemüthlich in