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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1851. M 117

Georg Volker.

(Fortsetzung.)

Die drei Bräute erhielten die Ehrenplätze an der Tafel und neben einer Jeden blieb ein Stuhl leer für den Bräutigam. Aber so gütlich auch Jedermann sich that, so eifrig auch der Hausherr seine Gäste zum Essen und Trinken nöthigre, /ine rechte Fröhlichkeit wollte doch nicht an der Tafel aufkommen, und je länger die von Allen mit größter Spannung erwarteten Verlobten onSblieben, um so größer wurde der Gäste Beklommen­heit. So oft sich die Flügelthüren aufthaten, blickte Alles neugierig hin; und die armen Bräute zumal, welche je­den Augenblick meinten, jetzt werde Armand in den Saal treten, schrackcn dann sichtbar zusammen. Aber nur neue Speisen wurden in langen Gängen hereingetragen oder die Diener schleppten schwere Flaschenkörbe herbei. Der dreimal heiß Ersehnte erschien noch immer nicht.

Gegen das Ende der Mahlzeit trat der alte Kam­merdiener zu seinem Gebieter heran, und stellte eine mit einem Tuche bedeckte silberne Platte vor dessen Platz auf die Tafel. Mit ernster Miene erhob sich sodann der Landjägermeister vom Stuhle und blickte so lange ruhig an der Tafel hinauf und hinunter, bis eine Todtenstille kintrat und alle Augen erwartungsvoll auf ihn gerichtet waren. Dann wischte er sich mit der Serviette den Wein aus dem grauen Schnurrbart und begann zu reden.

Anfangs wußte eigentlich Niemand recht, wohin der Alte mit seinen Worten ziele. Denn bald sprach er von der ernsten Vergangenheit seines Geschlechtes, bald er­zählte er von diesem und jenem Vorfahren, gab dazwischen umständliche genealogische Aufklärungen über die einzel­nen Verzweigungen der Familie, und hatte schon lange Vieles ohne Zusammenhang durcheinander geredet, ehe " zu dem Punkte gelangte, wo Alle mit größter Span­

nung Aufklärung über den eigentlichen Zweck seines Vor- tragS und des heutigen Festes erwarteten, vornehmlich aber eine Nachricht über die Namen, die Personen und den Stand der künftigen drei Eidame.

Endlich kam d.er Freiherr auf die festliche Bedeutung deS Tages, die Verlobung seiner Töchter, zu sprechen und eröffnete den horchenden Gästen, wie er deßhalb alle seine Verwandten und Freunde nach alter Familiensitte um sich versammelt habe, da, er sagte dies mit auffallen­der Betonung, ein solches Verlobungsfestim Geschlecht Derer von Lilien noch niemals gefeiert worden sei.

Sodann erzählte er von dem Grafen Armand d'Ar- lincourt (die drei Jungfrauen wurden beim Klang dieses Namens feuerroth und senkten verschämt die Blicke), wie dieser in seinem Hause gastliche Aufnahme und als Edel- mannn und Offizier des Kaisers alle die Ehren und Auf­merksamkeit gefunden habe, die seinem Rang und Stand gebührten. Der Alte schilderte sodann deö Grafen lie­benswürdige Eigenschaften, sein feines gesittetes Wesen und seine edle Abkunft, und gestand, daß er ihn wie seinen Sohn liebgewonnen habe, ehe er noch gewußt hätte, daß der Graf auf dieses Prädikat refleklire.

Der Freiherr hielt einen Augenblick inne, und sicht­bar war die Gewalt, die er sich anthat, um seiner Ge­fühle Meister zu bleiben. Neugierig blickten seine Gäste auf die drei Verlobten, um diejenige herauszufinden, welche man im nächsten Augenblick von dem Vater als die Braut des schönen Grafen Armand proklamiren zu hören er­wartete. Aber eS war unmöglich, die rechte zu errathen, denn alle Drei zeigten dieselbe holde Verwirrung und Eine war noch schöner und reizender als die Andere in dieser Sekunde ihres höchsten Glückes.

Aber welches starre namenlose Entsetzen ergriff alle Anwesenden, als der Alte nach dieser kurzen Pause daS Wort wieder nahm, um ohne Rührung und Erbarmen