Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 3£ 115.
Georg Volker.
(Fortsetzung.)
Und wie die Dinge, so die Menschen. Drei alte Wesen, einander so ähnlich an Gestalt und Zügen, alS hätten sie sich in der langen Zeit, die sie als treues Schwester-Kleeblatt unter diesem Dache beisammen leben, gegenseitig so innig ergriffen und durchdrungen, bis Eine geworden wie die Andere, daß zuletzt der Tod selbst diejenige, welche er zuerst abberufen wollte, nicht mehr heraus- finden konnte; oder vielleicht auch, daß sie, wie sie an einem Tage geboren scheinen — denn längst bat die Zeit den kleinen Unterschied an Lebensjahren bei ihnen auSge- wischt, — so auch an einem Tage zu sterben, bestimmt find, wenn der knöcherne Mann mit der Hippe an ihre friedliche Pforte klopft, der einzige Freier, dem sie noch ausgelhan wird.
Adelgunde, Kunigunde, Rosamunde, Freifrâulein von Lilien, so heißen die drei wohlbeleibten frommen Damen, deren jungfräuliche vestalische Bekanntschaft wir dem Le. ser in diesem Kapitel zugedacht haben; vorausgesetzt, daß er nicht den leisesten Zweifel an dem zu hegen wagt, waS sie, nächst ihren Ahnen, für daS Höchste halten, woran ihr Herz sich stärkt, ihre Seele sich verjüngt, an dem Ruhme, daß im Vergleich mit ihnen die keusche Göttin Selene selbst ihnen den Preis der untablichen lilienreinen Unschuld lassen mußte. Denn nie, seit Armand b'Arlin- court dreimaltraurigen Angedenkens, hat ein Mann es wieder gewagt, nach einer dieser Lilien die verwegene Hand auSzustrecken. und nie ist seitdem wieder die Vesta- stamme der Jungfräulichkeit an ihrem Altare erloschen, in deren keuscher Pflege sie ihr langes stilles Leben hin« brachten und alterten, drei gute Genien auS einer Vergangenheit , deren letzte Sterne immer mehr im Aufgang i eine® neuen TageS erlöschen. j
Gern erzählten wir wohl dem Leser ausführlich, wie sich unsere Drei Lilien in der Blüthezeit ihres LenzeS, da noch ihre Reize ebenso sprüchwörilich wahren, wie ihreS VaterS, des edlen Freiherrn weiland landgräflich — schen OberjâgermeisterS grobkörnig Jägerlatein, wie sich in diesen Tagen der gefeierten Schönheit und der allgemeinen Huldigung, ihre Herzen und Lippen zu so strengem Gelübde verstehen mochten. Da unS jedoch dieser Rückblick in eine späte Vergangenheit allzuweit von dem Gange unserer Geschichte ablenken, und in Zeiten und Verhältnisse zurückversetzen würde, deren Schilderungen wir un« möglich in einen modernen Roman verweben können, so wollen wir unS darauf beschränken, nur in wenigen Worten einer Geschichte zu gedenken, die einstmals in weiten Kreisen erstaunliches Aussehen machte, manche weißgipu- derte Allongeperrücke, manche hochsteif-moralische Co ffure â la Madame de Sevigne bedenklich schütteln machte, die aber vielleicht jetzt außer den drei alten Fräulein und dem Vetter Peter, von dem wir sogleich eines weitern berichten werden, kein Mensch mehr kennt.
Kurz vor der Schlacht von Jena wurde ein junger französischer Gardekapitän Comte Armand d'Arlincourt mit Namen, im Hause deS OberjâgermeisterS einquariirt. Der neue Paris unter den drei Huldgöttinnen verliebte sich bald so tief in Adelgundens, deS Freiherrn ältester Tochter, feuriges Augenpaar, daß er sich zuletzt nicht anders mehr vor AmorS scharfem Pfeil zu retten wußte, als Schutz zu suchen bei der sanfteren Kunigunde mit dem schwärmerischen Veilchenblick, der er gleich der Schwester den Schwur ewiger Treue in'S tiefverschwie- gene Herz legte, und dagegen auch von ihrer chüchter- nen Rosenlippe daS Geständniß ewiger Gegenliebe abküßte; bis denn zuletzt, um den Bund der schwesterlichen Sympathieen vollständig zu machen, auch die kleine wilde Rosamunde, von dem alten Freiherrn nur sein „Hum-