Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 114.
Georg Volker.
Ein Zelteoman von Otto Müller.
Selten noch hat ein Werk bei seinem Erscheinen solches Interesse erregt, als Otto Müller'S neuester Roman: Georg Volker. Ihm war „Bürger und Molly" vorangegangen, ein Buch, das seinen Weg in den Sa- Ion wie in die Dachkammer gesunden und hier wie dort ein lieber Gast, eine theure Erinnerung wurde; ein Buch, daS Jeder mit gleichem Jnierege zur Hand nahm und mit gleicher Befriedigung niederlegre. Dann hat Otto Müller die Handlung seines Romanes in die bewegte Zeit deS JahreS 1848 verlegt, deren eherner Fußtritt so manche HoffnungSsaat vernichtete und deren Spiegelbild Niemand ohne tiefe Erregung zu schauen im Stande.
Aber gerade dasjenige, waS die Aufmerksamkeit der Lesewelt auf dieses neue Werk in erhöhtem Maße hinlenkte , vermehrte die Schwierigkeiten, mit denen der Verfasser der Oeffentlichkeit gegenüber zu kämpfen hatte.
Mit seinem „Bürger und Molly" hat Otto Müller sich selbst für alle Zukunft einen gefährlichen, schwer I zu besiegenden Rivalen geschaffen. JedeS folgende Werk konnte höchstens zu dem Ruhm gelangen, gleich gut zu sein, eine Steigerung der inneren Vorzüge war nicht leicht denkbar. Jedem aber wird der Zauber deS ersten Eindruckes fehlen, der bei „Bürger und Molly" uns mit Buch und Autor so schnell und innig befreundete.
Ferner liegt der Zeitpunkt, in welchem „Georg Volker" spielt, unserer Erinnerung allzunahe, ist mit seinen Wirkungen und Folgen noch zu wenig abgeschlossen, um alS geschichtlicher Hintergrund mit Erfolg oder doch ohne bedeutende Schwierigkeiten benützt zu werden. — Die in jedem Zeitromane zu bewahrende geschichtliche Treue beeinträchtigt hier mehr als je den Werth und die Neuheit
der Erfindung, schmälert daS Verdienst deS Propheten- thums und gefährdet leicht die gerechtesten Ansprüche auf Anerkennung schriftstellerischen Wirkens.
Otto Müller hat diese Schwierigkeiten gut und glücklich beseitigt. Er gibt unS ein vollständiges und wahres Zeitbild. Er schildert jedoch den Einfluß jener bewegten Zeit auf selbstgeschaffene Charaktere; er folgt dem welt- erschütternden Gang der unS allzuwohl bekannten Ereignisse mehr im Mikrokosmos der Gedanken und Gefühle feiner Gebilde, und sichert so seiner bei aller geschichtlichen Treue originellen Dichtung daS Verdienst und den Reiz selbstschöpferischer Thätigkeit.
Der gelungenen äußeren Form dieser Dichtung entspricht auch ihr innerer Gehalt, und Form und Inhalt befriedigen die gerechten hohen Erwartungen die man von einem Schriftsteller gehegt, der urplötzlich und selbstkräftig mit einem Erstlingswerk dem Publikum als eine vollendete in sich abgeschlossene Individualität entgegengetre- ten war.
Auch in seinem neuen Werke finden wir eine reiche Fülle deS GemüthlebenS, begegnen wir den Ergüssen einer tiefpoetischen Natur, eines warmfühlenden Herzens. In der Schilderung deS kindlich-zarten Anneli, in jener der hehren Weiblichkeit Eugeniens ist die Meisterhand nicht zu verkennen, welche unS Molly'S und Else- wiltchens Bild entworfen; in der Anlage und Durchführung der einzelnen Charakterzeichnungen ist Sicherheit und Bestimmtheit; derselbe Humor der den „Buchonkel" geschaffen hat unS ein nicht minder ergötzliches und.nicht minder rührendes Bild in dem „alten Bären" gebracht: kurz „Georg Volker" verträgt die Vergleichung mit „Bürger und Molly" und hat um ein viel und gern gelesenes Buch zu fein deS Verbotes einer mächtigen östlichen Regierung nicht bedurft. Wir bringen nachstehend Einiges auS diesem schätzenSwerthen Buche.