Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 3£ 113
Die Tochter der Königin.
(Schluß).
Ihre Tochter! riefen die Königin, der Alcade und die Minister, während sich Filipa an den Hals Antonio'S warf und dieser sich auf die Arme seiner Wächter stützte.
Ja, meine Tochter! antwortete er unter Thränen, die auS seinen, wie auS den Augen der Umstehenden strömten. Ich hatte sie zuerst an der Familienmedaille erkannt, welche meinen zitternden Händen begegnete. Cie können ihren Vater an demselben Zeichen erkennen. (Hier zog er eine Medaille hervor, welche der Filipa'S ganz ähnlich war und dir Chiffre C. V. „Graf von ValleS" trug). Als ihre Mutter ihr Ende herannahen sah, hatte sie, mich für todt haltend, wie Sie wissen, Filipa der Gnade Gottes und der Senora Montemoro übergeben. Diese vertraute sich der Königin an, und die Vorsehung that daS Uebrige. Sie werden Sich jetzt, Madame, meine Geistesverwirrung erklären können, als ich bei Ihnen in der Granja mein verloren geglaubtes Kind wieder fand. Sie werden die Größe meines Opfers begreifen, als ich eS an Ihrer Statt den Mördern überlieferte! . . . Und weit entfernt, mich an Ihnen wegen dieses Unglücks zu rächen, zerbrach ich sogar am anderen Tage mein Schwert, um nicht mehr die zu bekämpfen; welche meine Tochter „Mutter" genannt hatte. Seit jener Zeit meiner Partei Verdächtig und von der Ihrigen verurtheilt, irrte ich zehn Jahre lang ohne Asyl und ohne Mittel umher, indem ich Doloreö unter dem Namen Antonio verpflegte und Jedermann, so wie auch ihr den edlen Namen Terrido Verheimlichte, der einstens ihr Stolz gewesen wäre, in unseren traurigen Zeiten jedoch nur ihr Verderben war. Weil Gott, dessen Walten sich sichtbar in allem dem gezeigt hat, Ihnen heute Filipa zurück gibt, indem er sie mir raubt, so verschaffen Sie ihr, die mit ihrem Blute Ihre
Krone und Ihr Leben gerettet hat, ein wenig Glück. Erzogen wie die Tochter des SenorS Terrido, und nicht wie daS Kind deS $ro[mbirten, strafe man sie nicht um des Geheimnisses willen, daS mir entschlüpft, nachdem eS mich während zehn Jahre fast erstickt hat.
ES soll Niemand bestraft werden! rief die Königin auS, indem sie ihre Thränen trocknete. Graf Terrido, ich gebe Ihnen Ihre Titel, Ihre Ehren und Ihre Güter in Andalusien wieder. Nur müssen Sie Filipa mit mir theilen, und immerfort soll sie die Tochter der Königin heißen.
Antonio fiel zu den Füßen Jsabella'S, DoloreS in seine Arme. Und dieses Mal waren die Minister gegen Gewohnheit einerlei Ansicht mit der Königin.
Eine Stunde nachher präsentirte sich Leon mit stolzem Haupte bei seinem Vater. Der erhabene Senor Diego de la Eagra spazirte, in seine ausgezackte Kapuze gehüllt, mit aufgestrichenem Schnurrbat , den Degen an den Hüften und den Sombrero auf dem Ohr, inmitten einer Gesellschaft von zwanzig wurmzerfreffenen Familien- PortraitS, indem er seine zwölf Kinder die Reihenfolge der Voreltern — von der römischen Eroberung an bis zu den Abencerragen und von diesen wieder bis zu ihm, dem Chef der dreißigsten Generation der DiegoS — hersagen ließ. Keiner seiner Söhne bekam etwas zu Mittag zu essen (vorausgesetzt, daß dieses Wort nicht Ironie war), bevor er nicht die ganze Genealogie, mit allen Heira.then, Wappen, Devisen, Feldgeschrei u. s. w. hergesagt hatte.
Wohlan, sagte der Hidalgo zu Leon, da du wieder vor mir erscheinst, so unterstelle ich, daß du den Gedanken, ein namenloses Mädchen zu heirathen aufgegeben hast.
Ja, mein Vater, und der Beweis dafür ist der, daß ich Sie jetzt bitte, in meine Heirath mit der einzigen Tochter deS Herrn Grafen Terrido de los ValleS y Mon-