Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — Jf 11S
Ellina und ihre Tante.
(Schluß.)
Die Stimme versagte ihr, aber Clemens umschlang sie mit einer der ebengemeldeten Auflösung wie seinem sonstigen gebildeten, zurückhaltenden Wesen durchaus widersprechenden Heftigkeit, verbindlichst hinzufügend: „Aber, Therese, bist du toll" ? — Ellina umarmte und küßte die Tante. Daß eine Person, die das neunundzwanzigste Jahr und etwelche Lenze darüber hinter sich hatte, die — um den Leser auch nicht im mindesten zu täuschen — am verflossenen ersten Juni ihren zweiunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatte (wozu Ellina ihr die Pantoffeln gestickt, die sie in diesem Augenblick trug und auf deren Blättern die Zahl 32 in Adonisröschen stand) — daß eine Person zwischen dreißig und vierzig noch an Liebe und Ehe denke, davon war die junge Dame so überrascht,- daß daS Erstaunen jedes andere Gefühl in ihr verschlang. Alsbald aber kam jählings die Furcht über sie: Was mochte der Landrath, nunmehr von Tante Therese Bruder Hermann genannt, von ihrem Gehaben denken? hatte sie sich nicht vielleicht irgendwie in seinen Augen ein klein wenig bla* mirt? Dazu kam eS ihr vor, als sei die ganze Sache nicht beschaffen, um von ihrer Freundin Hulda beurtheilt zu werden, um so mehr als Tante Therese eS auch jetzt nicht geeignet fand, in ihrer schwarzen Spitzenmanlille und dergleichen Aufsatz öffentlich als Braut aufzutreten. So nahm sie sich denn vor zu schweigen und einzulenken, und Therese in ihrem strahlenden Glück vergaß schnell den ganzen Austritt, sobald sie sich überzeugt hatte, daß des geliebten NichtchenS junges Herz keine Beschädigung erlitten. —
Es war ein klarer Septeinbertag, als sich in EllinaS Heimalh ein feierlicher Zug zur ländlichen Kirche bewegte. Tante Therese ist wieder weiß gekleidet, nicht in Kasche
mir, sondern in schwer herabwallende Seide. Ihr Bruder führt sie, Clemens hat seine Staatsuniform an, ihm zur Seite geht Hermann, fein Bruder, wahrlich ein garstaatlicher Herr. Er ist viel hübscher als Clemens, das ist gar keine Frage, und Hänschen, daS süße HänSchen (eS hatte die Stille des feierlichen Morgens benutzt, um mit den jungen Vettern eine Prügelei auszuführen, in Folge dessen deS Vaters Reitpeitsche genossen, und war so rührend mit seinen etwas rothen Augen und seiner elegischen Stimmung), dieser Engel war sein vollkommenes Ebenbild.
Ellina ist Brautjungfer; sie trägt klares weißes Zeug über Seide und einen vollblühenden Rosenkranz, Blushing maid. Hatte sie doch vor ihrer Reise in die Nordsee ihrem Lieblingsbusch alle Knospen abgeschnitten, damit er im Herbste blühe. Sie mußte denken, vom Herzen der Tante seien auch die Frühlingsknospen abgeschnitten und nun blühe ihr deS Lebens und der Liebe vollster Rosenkranz im Herbste.
„Aber eS ist doch wunderlich"! dachte Ellina. „Nein ich möchte im dreiunddreißigsten Jahr nicht mehr Hochzeit halten. Bei Männern ist das etwas ganz anderes; da schadet daS Alter überhaupt nichts, im Gegentheil. Aber wenn ich noch an die Angst denke! Wie zart von Hermann, daß er der Sache nie erwähnt! Er hielt sie schon damals für eine körperliche Aufregung, sonst müßte ich mich doch recht schämen. Sein Billet an die Tante — ich habe eS gerettet und verwahrt — sein Billet enthält ja nur Besorgnisse für meine Gesundheit. „DaS liebliche Wesen" nannte er mich darin.
HänSchen, gib doch deiner kleinen Tante hübsch den Arm zum Zuge", sagte ifte zum Jungen, der mit den Kindern um sie herumtölpelte, und führte ihn ihrer jüngsten Schwester zu, dann erröihete sie jählings über ihre eigenen Gedanken. DeS Landraths Blicke ruhten gerade