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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. Jfé 111.

Ellina und ihre Tante.

(Fortsetzung.)

Der Landrath lächelte fein.Wollen Sie", fragte Ellina, nach einem langen Seufzer Muth fassend,mein Vertrauen nicht mißverstehen? WaS haben jene zwei vor? waS soll daraus werden? mit welchem Rechte? Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen.Liebe Ellina", sagte der Landrath ,was kann Sie denn dabei bekümmern? Warum sind Sie, und nur Sie, wider ein Ereigniß, das uns Alle so hoch erfreut, wodurch das LebenSglück meines guten, so lang geprüften, so trefflich bewährten Bruders gesichert wird? Wahrlich", setzte er mit geschärftem Tone hinzu,er, der Liebling seiner Ka­meraden, geschätzt von Allen, die ihn kennen, ist der Ver­bindung mit Ihrer Familie nicht unwürdig, und auch Ihr Herr Vater"

Mein Vater"! rief Ellina unter Thränen, mit zorn- glühendem Angesicht;o ja, ich ahnte so etwas, aber" und hier nahm sie ihre ganze bald siebzehnjährige Kraft und Würde zusammen und sprach in fast dräuen« dem Tone:Aber meine Mutter, wird denn die nicht gefragt" ?Ich wüßte kaum, in wie fern diese treff­liche Dame" sprach der Landrath verlegen.Sie wüßten kaum"? wiederholte Ellina fast schreiend und in der höchsten Aufregung zusammenzuckend. Der freundliche Landrath sagte mild:Liebe Ellina, gutes Kind, beruhi­gen Sie sich! Die Seebäder wirken oft so aufregend. Mein Bruder ist der edelste, beste Mann, und Fräulein Therese"Ist eine Scheinheilige, eine Verräthe- rin"! rief Ellina weinend.Großer Gott"! sprach der Landraih halb laut,sollte sie ihn lieben"? »I h n?* Wen"? dachte Ellina, die dieses gehört, und ließ nun die jungen Männer des KonversationSsaales, ihre Tänzer, vor ihrer Seele vorübergleiten, um den zu

finden, auf den der Landrath im Namen seines BruderS eifersüchtig sein mochte. Aber sie fand Niemanden; keine Ahndung des wunderbaren WesenS, das man in engerem Sinne Liebe nennt, hatte je ihre Seele gestreift. Da kam Hänschen jauchzend mit einem gefangenen grauen Dünenkaninchen; gleichzeitig bogen um den Saum der Dünen, vor denen sie standen, mehrere bekannte Damen. Ellina faßte sich mit Gewalt, grüßte den Landralh und ging mit jenen weiter.

Beim Mittagessen war sie allein der Tante gegen­über. Diese saß im weißen Kajchemirrock und der schwarz­seidenen Schürze so klar und freundlich da, als sei sie gar keine Verrätherin, keine Tyrannin, sondern eine milde gute Tante, mit tröstendem Wort und helfender Hand. Nach dem Essen kam Hänschen und brachte ein Billet. Die Tante las eS, sah Ellina verwundert an und sagte: Liebes Kind, ist dir nicht wohl? Drückt oder beküm­mert dich etwas? Sprich, waS ist's? Sei offen und wahr gegen mich! Denke, daß ich kaum je ein Wesen so geliebt habe alS dich; ich habe dich gewiegt und ge­tragen, und ich liebe dich, wie du es kaum ahnen magst." I Ellina seufzte und antwortete:Ja, aber man muß auch auf die rechte Weise lieben, man muß ein jugend­liches Herz" Therese erbleichte.Großer Gott, eS ist wie ich gefürchtet! Gib mir Kraft zum Opfer" ! flüsterte sie leise und sank um. In diesem Augenblick trat der Rittmeister ein, ging an Ellina vorbei, auf The­rese zu und umfaßte sie fragend:Therese, mein Engel, auch Du" ? Und er heftete seine Lippen auf ihre Wan­gen, alS er sie zu sich ausgerichtet hatte. Vor Verwun­derung zur Salzsäule geworden, stand Ellina den beiden gegenüber. Sie athmete auf; das Gewitter, das entsetz­liche, war vorbei: ob aber alle ihre Empfindungen freu­diger Art waren wer ergründet ein Menschenherz, wer vollends das Herz eines jungen Mädchens?