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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischell Allgem.

1851. As 110.

Ellina und ihre Tante.

(Fortsetzung.)

War denn der Rittmeister so unangenehm, so un« schön? Keineswegs, er stand im kräftigsten ManneS- alter, hatte edle Züge, eine hohe Gestalt, einen ritterlichen Anstand, eine klangreiche Stimme; auch schien er sehr unterrichtet. Vermögen? das wußte Ellina nicht; aber alles Aufgedrungene ist nun einmal lästig, widrig, und waS hatte sich denn die Tante hinter dem Rücken der Mutter in ihre Herzensangelegenheiten zu mischen; waS hatte sie da anzuordnen? Ellina schrieb in Gedanken tausend Briefe an ihre gute Mutter, aber auf's Papier kam keine Sylbe.

Der Landrath , der artige^Mann, war Wittwer. Das arme HânSchen hatte keine Mutter ; seine kleine Schwester hieß Lina und war weit weg bei der Groß­mutter.Aber, wenn der Vater unS wieder eine Mutter geschenkt hat, kommt sie wieder zu unS aus's Gut". Das vertraute ihr Hänschen, für sie ein kleiner Engel des Trostes in ihrem Jammer.

So gingen die Tage ohne bedeutende Abwechslung dahin, aber das stets dräuende Gewitter zögerte noch im­mer sich zu entladen. Man machte indessen angenehme Bekanntschaften, hübsche Spazierfahrten zur See , und zumal die Tanzmusik jeden Abend hatte doch etwas Trö­stendes und AufrichtendeS. Mitunter speiste man an der öffentlichen Tafel; dann saß daS HânSchrn zwischen Tante und Nichte, der Landrath neben der letzten und der Rittmeister bei der Tante. Einmal, als es sich traf, daß dieser neben sie zu sitzen kam, war er befangen, und wie hätte es anders fein können? Kein Schatten von Ermuthigung sollte ihm zu Theil werden, daS hatte Ellina sich fest vorgesetzt und streng führte sie eS durch. Ihre

Freundin Hulda hatte indessen alles durchschaut und nannte jene fünfdie werdende gamilie'.

Zum Frühstück in der Veranda fand sich, zumal wenn eS ein spätes war, der Rittmeister häufig ein, und dann pflegte er auS irgend einem ernsten Buche vorzulesen. Er schleppte stch mit CaruS Erdenleben, mit Humboldts An­sichten der Natur, mit dem KoSmos und dergleichen. Nicht selten hatte er einen jener theuren Sträuße in der Hand, die, wie Ellina nun wußte, auS den Treibhäusern einer fernen großen Stadt kamen, aber er wagte es nicht wieder, ihn ihr zu reichen, er ließ ihn liegen, unendlich dankbar sie anblickend, wenn er ihn Abends in ihren Händen sah; meist aber nahm ihn die Tante an sich. Eine Stunde vor dem der Badezeit wegen stets wechseln­den Mittagsmahl kam der Rittmeister wieder, ging aber, sobald die Ursel den Tisch zu decken begann. Zum Kaffee erschienen regelmäßig beide Brüder; das wußte Ellina schon nicht anders und sorgte für HânSchenS Milch und Brod. Der Bube war ihr nach und nach gar lieb ge­worden. Sie beschäftigte sich überhaupt gern mit Kin­dern und war daS gewöhnt; war sie doch die älteste von sechs Geschwistern und die Stütze ihrer Mama. Die Promenaden am Strand waren ganz angenehm und sie durfte jederzeit eine und die andere Dame dazu abholen. Sie hatte nun schon liebe Freundinnen, von denen eine Braut, die andere gar eine junge Frau war. Es war auch ein junger Walisisch an den Strand geschwommen und hatte dort sein junges Leben geendet. Der Landrath ging mit ihr und HänSchen hin, das Ungeheuer zu be­trachten.

Wie es aber um ihre Verlobung stand, das war ihr durchaus unklar. Nur Eines wußte sie: ihre Ein­willigung sollte keine Macht der Erde ihr abzwingen. Gegen die Tante wollte und durfte sie nicht ungerecht sein: sie war gleichmäßig freundlich gegen sie und höchst