Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 109.
Cllina und ihre Tante.
(8 o r t f e 5 n n g.)
Ueber diesen und ähnlichen Gedanken, in eine Stickerei verwebt, ward Ellina deS Einflusses gewahr, den Sorgen und Seeluft auf die Eßlust -üben, und sie erkundigte sich bei der Ursel,, wie es mit der Mahlzeit gehal, ten werde. Diese berichtete, das Essen komme vom Kon, verfationShaufe und werde in der Veranda eingenommen, und das Fräulein brauche vor dem Spaziergang am Strand sich nicht anzukleiden.
Als Ellina sodann in der Veranda erschien, war der Widerwärtige fort; die Tante hatte eine schwarzseivene Schürze vorgethan und sah mit sonderbar feuchten Augen die Richte an, als habe sie etwas zu bitten oder gar zu danken. Indeß wurde kein entscheidendes, ja nicht einmal ein bedeutendes Wort gesprochen. „Die Tante will doch die Sache leiser führen, als ich anfangs meinte", dachte Ellina, nahm das Geschenk von einem halben Dutzend Handschuhe, einem leichten hellfarbigen Strand- mantel und einen Florshawt huldreich entgegen und versprach, um sechs Uhr zum Spaziergang bereit zu sein. —
Wer aber fand sich schon vor fünf Uhr wieder ein, recht als ob der Kaffee für ihn bereitet wäre? Natürlich, der Herr Rittmeister, und — nein, das war denn doch zu arg! — brachte noch einen Herrn mit und stellte ihn als feinen Bruder, den Landrath vor, und der Landrath hatte einen großen Jungen, so von sieben bis acht Jahren, hinter sich, und die Tante stand auf und der Landrath küßte der Tante die Hand und behielt sie in d" feinen, und dann ward der Junge vorgeführt und die Tante sprach sehr freundlich mit ihm und die Ursel lief eilendS mit der Milchkanne in'S NebenhauS. Dieses Alles sah Ellina aus dem Fenster in der Tante Zimmer,
in dem sie deS größeren Spiegels wegen ihre Toilette vollendete.
Jetzt ward nach ihr gefragt, sie mußte erscheinen, und — nun, daS war schon eher wie sich's schickt — der Rittmeister stellte ihr seinen älteren Bruder und dessen Sohn, daS HänSchen, vor. Da nun Ellina'S Vater auch Landrath war, so fühlte sie sich schon etwas heimisch, um so mehr, als dieser Landrath ein gar angenehmer Mann war, freundlich und munter, und sich während einer endlos langen Wanderung am Strande sehr angelegentlich mit ihr unterhielt. <
So wagte sie kenn eine Frage, wodurch sie hoffte, den Grund der Intrigue zu sondiren: „Woher kennt denn Ihr Herr Bruder meine Tante" ? Der Landrath sah sie einen Augenblick mit seltsam forschendem Blicke an, dann erwiderte er scheinbar gleichmüthig: Vor elf Jahren war Fräulein Therese mit der verstorbenen Frau Tante hier, so wie meine selige Mutter mit ihrem Hausstände. Da ist die Bekanntschaft entstanden; in Italien haben sie sich wieder getroffen". Damit brach er ab, weil HänSchen sich zu nahe an'S Meer begeben hatte.
Zwei Stunden später, nachdem sie sich eilends umgekleidet, trat Ellina mit der Tante in den großen und für die frühe Jahreszeit schon sehr gefüllten Saal. Die zwei Herren schienen ihrer an der Thür geharrt zu haben und folgten. Da beleuchtete sich vor EllinaS Augen die Intrigue mit einem hellen Streiflicht. Indessen erschallte fröhliche Tanzmusik und der Landrath führte ihr einen Tänzer zu. Während dessen wich der Rittmeister nicht von der Seite der Tante, die im schweren grauseidenen Kleide, im schwarzen Spitzenüberwurf und mit den schwarzen Spitzen im reichen lichten Haar für ihre Jahre, so sagte sich Ellina, ganz besonders leidlich auSsah. — Ellina setzte keine Tour auS; eS wurden Bekanntschaften gemacht, und, ein wahres Glück! eine junge Dame war