Der Wanderer.
—a» »OM «-»--
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
. Zeitung.
1851. — ^F 108.
Ellina und ihre Tante.
lF o r t s e 6 u n gj
Nach einer Stunde kamen die Gepäckkarren, die Jung« fer und der Rittmeister; letzterer aber verabschiedete sich bald zum zweitenmale, indem er mit wahrhaft widerwärtiger Affektation seinen langen Schnurrbart auf der Tante magern Fingern abrieb. Dann begrüßte er Ellina, vertraut ihr zunickend, alö kenne er sie seit Jahren.
Als er jenseits des GitterS war, wollte sie die Tante auf einmal zermalmen und sagte: „Eine unangenehme Erscheinung"! Die Tante schien zusammenzuschrecken, aber so recht konnte Ellina daS nicht bemerken, denn die Julisonne hatte sich längst gesenkt und es war noch kein Licht angezündet. Ellina gab der Tante noch einige Andeutungen, wie sie dieses unv jenes angeordnet wünschte, da gewahrte sie mit einem Mal daS Angesicht derselben bei der nun angezündeten Kerze im Spiegel und erschrack über den Ausdruck von Glückseligkeit, der dasselbe belebte, nachdem sie doch eben erst alle ihre Plane so entschieden durchkreuzt. Alles schien an ihr abgeglitten wie Regen- Wasser vom glatten Marmor. „Warte", dachte Ellina, »ich will dich lehren zu triumphiren! Nichts ist dir noch gelungen" !
Sie suchte ihre Schlafstelle, zunächst um ernstlich aachzudenken, denn müde war sie nicht im mindesten. Ihr Schlafkämmerchen war so klein, so eng, so niedrig, daS ^ett wie ein Schrein, an der Wand ein Miniaturspiegel. Welche Thorheit , in der engen Fischerhütte zu wohnen, während die hohen, Hellen Fensterreihen des Konversa- tionShauseS, die herüberleuchteten, ein viel behaglicheres, und, mußte sie hinzusetzen, anständigeres Unterkommen boten! Doch diese Laune wollte sie der Tante gern nachsehen, wenn nur nicht —
Ja, das Leben lag schwer aus Ellina, und sie dachte reiflich über ihren Zustand nach. Eigentlich kannte sie die Tante nur wenig, wiewohl eS immer geheißen, daß sie von frühester Kindheit an ihr Liebling gewesen. Als Ellina geboren wurde, war Tante Therese in deS Bruders Hause, aber seit undenklicher Zeit hatte sie bei einer uralten Groß- oder Urgroßtante gelebt, zur Pflege und Gesellschaft.
Diese nun war vor einem halben Jahre um Weihnachten gestorben und Ellina, die sich eben im Hause einer Freundin aus der Kostschule in einer kleinen, nicht weit vom väterlichen Gute entfernten Residenz befand, hatte deßhalb den Sylvesterball im PalaiS versäumen müssen; man denke! — Diese alte Dame nun hatte der Tante Therese ein bedeutendes Vermögen hinterlassen, das Landhaus, welches sie bewohnte, zwei andere Güter, die verpachtet waren, und viel Geld, Ellina wußte gar nicht wie viel. Aber DaS wußte sie, denn es war oft in ihrer Gegenwart besprochen worden, daß die Tante zu ihrem Vater gesagt: „Bernhard, du sollst nicht auf meinen Tod warten; ich schenke die zwei Güter deinen beiden jüngsten Söhnen, dem ältesten und jeder deiner drei Töchter 10,000 Thaler, dir 40,000 Thaler, wofür die Selige die Pfandbriefe auf deinen Grundbesitz in Händen hatte. Ueber daS andere gestattest du mit anderweitig zu verfügen".
Dieses war geschehen, alö der Vater im Januar von der Testamentseröffnung im Trauerhause zurückgekehrt war, und daS war schon gut, aber eigentlich kam den Kindern doch Alles zu, denn der Vater war Tante The- resenS einziger noch lebender Bruder. WaS wollte sie nun mit dem andern machen? Und wie viel war eS? Später hatte Tante Therese noch einen Silberkoffer und einige Familienbilder nach des VaterS Gut gebracht und der Schwägerin Diamanten und Perlen geschenkt, auch