Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 107.
Ellina und ihre Tante.
(Au- dem „Morgenblatt".)
ES war EllinaS erste größere Reise: Eisenbahnen, viele, viele Meilen, Städte, an denen man Vorbeiflug, Dampfboote, endlich daS offenbare Meer. Was gab eS da Alles zu schauen! Indeß war ihr Alles ziemlich gleichgültig; fie hatte Wichtigeres zu bedenken: erstens, ob ihre Toilette, in der Eile vervollständigt, hinreichen würde zum Aufenthalt im Seebade, und dann war auch die Tante nicht angemessen gekleidelnoch — in Trauer; und nun gar die Ursel, ein Kammermädchen und steinalt! — Ellina hatte vollauf zu thun mit beaufsichtigen und verweisen. Gewiß war diese Reise ein Opfer von ihrer Seite daS sie dem Willen des Vaters gebracht.
Nun aber war daS Ziel erreicht und Nichte und Tante standen am Schiffsrand, deS nahenden Bootes harrend, welches sie an Ort und Stelle bringen sollte. 3m Boote war außer den Schiffern ein Mann , der mit einem Glase scharf nach dem Schiffe sah, immer nach Ellina. Sie kannte ihn nicht; wie erstaunte sie also, als er ihren Geschlechtönamen schon auf halber Treppe rasch und fragend rief. Sie wollte sich eben zur Tante wenden und fragen, wer sie denn hier schon kennen möge, da hob diese den Schleier vom ungewöhnlich blassen Angesicht, um den blitzschnell Heraufklimmenden zu begrüßen. Sie reichte ihm die Hand, auf die er höchst affektirt lange seinen Schnurrbart drückte; darauf wollte er sich mit ihr zum Boote hinbegeben als die Tante sich umwendete und — wie ungeschickt! — mit den Worten: „Ellina, meine Richte, Bruder Bernhards ältestes Töchterchen", sie ihm und nicht ihn i h r vorstellte worauf der Mann sie scharf ansah und sich verbeugte. Gleichgültig sagte die Tante noch so etwas in seinem Namen, worauf Ellina verletzt weiter nicht hörte; die Bezeichnung „Rittmeister" hatte sie allein Acht genommen.
Der Herr Rittmeister und Tante Therese stiegen sofort inS Boot und sprachen dabei in unbekannten Lauten. Wie! Ellina hatte als Kind von der Neuenburger Bonne und später in dec Kostschule ihr Französisch trefflich gelernt, auch einen Anfang im Englischen gemacht, sie verstand aber nichts; die Tante sprach am Ende italienisch. Wie unbescheiden! Als sie hinüberblickte zu den Redenden, bemerkte sie, daß die Augen derselben auf sie gerichtet waren. Jetzt war ihr mit einem Mal daS Räthsel gelöst und eS entwirrten sich vor ihren Blicken die Fäden eines beängstigenden Anschlags. Es lag klar am Tage! Sicher hatte die Tante, die alte Here, sie darum dem elterlichen Hause entlockt, darum der Mama so glatte Worte gegeben, um sie, Ellina, an diesen alten Rittmeister zu verkuppeln, den jene offenbar kannte, und der sie beide erwartet hatte. Vielleicht war auch der Vater schon mit inS Geheimniß gezogen. Er hatte vor der Ab- reise, wo doch so viel Wichtiges ihretwegen zu besprechen war, z. B. wegen deS Taschengeldes und dergleichen, er hatte sich mehrere Stunden mit Tante Therese eingeschlossen. Da war eS offenbar abgekartet worden! Die Mama wußte wohl schwerlich darum ; sie, die noch in der letzten Stunde ihre Brosche, ihre Armbänder, ihre besten Blonden und Bänder dem Töchterchen mitgegeben, würde zu solcher Tyrannei nimmermehr die Hand bieten! ES war schmählich! Mußte man nicht warten, bis ihr Herz gesprochen? mußte man sie so früh, ohne alle Neigung, im kaum beschlossenen siebzehnten Jahre verheirathen? Aber sie wollte fest bleiben, Charakter zeigen. DaS ver- sprach sie sich selbst, während sie in die schäumenden Fluthen schaute. Dann warf sie den beiden einen vernichtenden Blick zu, der deutlich sagte: „Ich habe euch durchschaut"! und — ja wohl, sie hatte sich nicht getäuscht — die Tante erröthete und senkte die Wimpern vor ihrem strengen und fragenden Blick. Das war eine