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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. JV» 106.

Der Stauffer.

(Schluß.)

Da steht daS HauS.

Der Stauffer hat's vorauSgefagt. Da droben wird eS steh'n, hat er gesagt, mitten in Deinem besten Feld, Ruhlander; es steht nun droben mitten in seinem besten Feld. ES wird das schönste HauS im Zirkel von zwei Meilen sein, wird hellgrüne Fensterladen und neumodische Epiegelsenster haben, hat er gesagt; man guckt in Wahr­heit umsonst herum nach einem schönern HauS: eS hat ein Stockwerk, Ober- und Unterwohnung, ist blank wie eine Grafenkapelle und hat seine hellgrünen Läden und seine Spiegelftnster, durch die man heraus- aber nicht hineinsieht. Damals hat der Stauffer auch noch gesagt: Hinter dem HauS werden zwei Tannebäum' stehen, vor dem HauS zwei Linden und um das Ganze herum laß ich eine Zicgelmauer führen, schon weiß angestrichen.

ES ist damals viel gelacht worden. Jetzt lacht Nie­mand mehr; denn daS HauS, die Tannebäum', die Lin­den, die Mauer sind da und der Stauffer liegt Morgens, Mittags und Abends nicht mehr im Fenster und betrach­tet sich nicht mehr als das Gcriß umS tägliche Brod da unten, wenn's im Dorf recht durcheinander rennt er hat sich blind geweint.

Er hat Aktien, StaatSpapiere, Verschreibungen der sichersten Art auf gute Häuser und könnte so von seinen Renten als gemachter Mann seine Tage vergnüglich leben ~~ seine Ruh ist hin.

Die Margaret hat geheirathet und ist glücklich; das Röschen hat Geld und freie Wahl, man sagt, eS hätte seinen Schatz bereits gefunden; das Kâthchen wird ernster und blickt herum, wo es sein Herzlein niederlassen soll; Gott lasse sie Alle gedeihen und sich deS Lebens freuen.

DaS Glück Mariele'S hat'S gekostet, um über die starre Seltsamkeit des VaterS hinweg dem Glück der Schwestern Bahn zu brechen. Im freien Strömen, Finden und Er­fassen deS Lebens liegt der tiefste Quell deS Glückes und der Weisheit.

ES hat seitdem noch manches stille Herzweh in der Gegend gesetzt, weil Mariele Stauffer nicht heirathen will; jeder Versuch zu werben scheiterte , ehe er noch be­gonnen hatte.

Es scheint, ein Engel ist auf Erden niedergestiegen, um alS Engel rein und unberührt zurückzukehren.

Schöner, frommer, verklärter als Mariele Stauffer wird noch immer nichts gesehen....

Vor einem Jahre wurde Hâldcr'S junges Weib ge­fährlich krank; da erschien auch Mariele Stauffer an ihrem Krankenbette und half in rührender Weise warten und trösten. Die Hâlderin fühlte sich immer halb genesen, so oft Mariele erschien, sie wollte sie gar nicht mehr von ihrer Seite lassen.

Als indessen die Krankheit bedenklicher wurde und die Hälderin beichten sollte, faßte sie Mariele'S Hand in halbem Fieber:WaS brauch' ich beichten", sagte sie, hier sitzt mein Schutzengel, der weiß Alleö und wird mich nicht sterben lassen". Der holde Schutzengel aber konnte ihren Tod wohl erleichtern, aber nicht hindern; die Hälderin starb.

Seitdem ist ein Jahr vorüber und Hälder's zwei Kinder kommen oft in Stauffers Hau'S und fühlen sich da wie daheim.

Gestern ist auch der Anton Hälder mit seinen Kin­dern im StaufferhauS droben gewesen; eS hat still und freundlich zugegangen. Wie er sich wieder auf den Heim­weg machte, ging eben die Sonne unter, die Mücken schwebten über dem Saatfeld, die zwei Linden vor dem Hause blühten und dufteten, die zwei Tannebäum' hin-