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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

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1851. JVs 105.

Der Stauffer.

(Fortsetzung.)

Als am selben Tage die Sonne sich zum Untergänge neigte, durcheilt ein tief erschütterndes Gerücht das Dorf und die Gegend.

Die armselige, fast verfallene Hütte unterhalb der Mühle, Stauffer'S einstiger Aufenthalt, war wieder be­wohnt und der Stauffer selber war's, der sie bewohnte. Man hatte ihn gegen 6 Uhr in schlechten Kleidern, stumm und gebeugt wie in alter Zeit aus dem Birken­wäldchen kommen, ein« schwere Last Reiser heimschleppen und zu Hause dann seine längst aufgegebene Arbeit wie­der beginnen sehen.

In der folgenden Nacht brach ein furchtbares Ge­witter los.

Alles Lebende suchte Dach und Fach; nur ein Mann mit bloßem Haupt und an der Brust die Kleider aufge­rissen, stürmte unter Blitz und Donnerschlägen durch Re­gen und Wi.nd der Gräberhaibe zu, stürzte auf dem lee­ren Hügel laut aufschreiend nieder, daS Halstuch flog hinweg--da schluchzte eS ganz nahe durch die Fin­sterniß der Nacht so wehvoll, so heftig, so erschütternd daß die Hand des Mannes, der eine Waffe gegen sich geschwungen hatte, inne hielt, die Hand sinken, die Waffe fallen ließ er horchte, hielt den Athem an, bog sich, nach der Richtung vor, wo das Schluchzen hörbar gewor­den war, sprang endlich auf, rief den NamenMarie" dreimal mit Heftigkeit suchte mit auSgebreileten Armen die Schluchzende zu sassen.

ES war der Stauffer.

Er fand den Schutzengel nicht, der ihn vom Grabes­hügel weg nach langer nächtlicher Irrfahrt wieder heim- wärts lenkte.

Andern Morgens fand man Stauffer'S Halstuch auf der Grâberhaide, er selbst aber saß daheim in der Hütte und band wie einst sein Birkenreis.

Da ging die Thüre auf und wie eine heilige Er­scheinung voll verklärten Schmerzes trat Mariele Stauffer herein.

Sie blieb an der Thüre stehen; der Stauffer, wel­cher binnen wenigen Stunden zum Greis gealtert war, fuhr fort mit gesenktem Haupte sein Birkenreis zu schnei­den und zu binden.

Eine lange, lange Stille; zwei mächtiger bewegte Herzen fanden sich wohl niemals gegenüber.

,. . . Vater . . . Euere schwäbisch' Wirthin und ihr' Mariele sind ankommen . . ." sagte die Eingetretene endlich mit einer Stimme o diese Stimme, diese Stimme!

Ein sichtbares Zucken schüttelte durch Stauffers Kör­per. Er schnitt und band ohne Erwiderung weiter.

Nach einer Weile fuhr Mariele fort, indem sie ihm einige Schritte näher trat:Vater, kommet mit mir heim . . ." Ihre Stimme bebte da war der fernher 'tönende Saitenklang wie im Traume wieder über seinem Haupte.Kommet heim..." wiederholte sie:Ihr wisset nicht, was wirb, wenn Ihr nicht kommet . . ."

Sie trat ihm näher; er schaffte fort. Neue weh­volle Stille; ein bitterliches Schluchzen über Stauffers Haupte, fallende Thränen, die seinen Wirbel treffen und die wie eine schwere Last das greise Haupt noch tiefer beugen.

AuS . . . Der Hälder ist weggegeben, was Ihr jetzt auch kümmern möget . . . Ihr habet's nicht ge­wußt, ich hätt' Euch'S sagen sollen, ich hab' Euch'S da­mals nicht gesagt..." Verstärktes bitterliches Weinen. Ich hab' Euch's nicht gesagt, weil ich Euere Wundmale gesehen hab' an Euern Füßen vom Laufen für Euere