Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — 3f 104.
Der Stauffer.
(Fortsetzung.)
Noch brannte Stauffer'S Pfeife nicht ganz wie sie sollte; noch-hatte er sich nicht ganz, wie er wollte, zu- rechtgesetzt in seinem großen Lehnstuhl; noch drang ihm das Blut zu heftig gegen Herz und Kopf; und doch hatte er gewünscht, daß eS bei seiner Unterredung mit Mariele so ruhig, so gemessen und in Ordnung , so sonntäglich und heilig wie in seinem Traum hergehen möchte. ES war ihm, als müßten alle Glocken läuten und Gottesdienst sein überall auf Erden, wenn er jetzt mit seinem Kinde feierlich reden würde.
AlS Mariele hineintrat, legte der Stanffer fast ehrfurchtsvoll die Pfeife bei Seite, fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn, als wollte er feine wankenden Gedanken aufrichten, und sagte mit umflorter Stimme:
„Mariele, setz' dich zu mir her".
Er deutete auf einen Stuhl zu seiner rechten Seite. Als er nach einer Weile aufblickte, saß sie ihm in ziem- lieber Entfernung gegenüber, ruhig, fest, klar, verklärt; den leise umschatteten Blick hielt sie ernst auf den Vater gerichtet, die Hände ließ sie gefaltet niederhängen.
„Mariele, kannst du dir denken, was ich dir sagen will"? fragte der Stauffer.
Er hörte keine Antwort.
Die Antwort hätte er lesen können in dem sch merz- voll.stillen Lächeln seines KindeS. Er blickte aber nicht auf und fragte noch einmal:
„Kannst du rathen, waS ich dir sagen will"?
Nun folgte eine Antwort; klar, bestimmt und mit einer Stimme gesprochen, die an jenen fernher klingenden Ton im Traum erinnerte.
„Ja, Vater", sagte Mariele, „ich weiß, waS Ihr wollet . . . Saget'S aber nicht — saget'S aber nicht".
Die wiederholten Worte wurden nur mit leise verstärkter Betonung, aber so überwältigend gesprochen, daß der Stauffer eine Weile stumm dasaß.
Dann sagte er: „Mariele . . ."
„Vater ...."! fiel sie ihm mit stärkerer Stimme in die Rede, ohne noch weiter zu sagen, waS sie erwidern wollte.
„Du weißt das Rechte gewiß nicht, Mariele",' fuhr der Stauffer fort. „Laß mich also reden und hör mir zu".
Mariele stand auf.
„Ihr wollet mir vom Wendelin Büchner sagen; Ihr habet Alles fertig und abgemacht; ich soll von Euch, ich soll zu Ihm . . ." sie stand bei diesen Worten da: größer, uinrahbar, von überirdischer Weihe überkommen.
Sie hob die gefalteten Hände langsam, krampfhaft, tief innerlichst beschwörend gegen die Brust und fuhr fort r „O saget'S nicht . . . O saget'S nicht . . ."
Da der Stauffer wie versteinert schwieg, setzte sie nach einer Weile mit ruhigerer Miene und mit sanfterem Tone noch hinzu:
„Ihr habet mir nehmen lassen, waS mein gewesen wäre; o saget nicht, daß ich jetzt nehmen muß, was Ihr mir geben wollet . . . AuS ... AuS... Den Hälder habet Ihr verstoßen . .. Jetzt ist eS aus ... Er wäre eS gewesen; ich kann eS ja sagen jetzt... Ich hätte Euch nicht gern ein schweres Herz gemacht... Gott und Maria helfen, daß mir auch noch leichter wird ... Die Aplon wird Euch Alles sagen ..."
Sie ging.
Der Stauffer saß bewegungslos da.
Ihm war als fiele das HauS, das Himmelsgewölbe über ihm ein; seine Seele widerhallte in starrer Verzweiflung; „Fall' ein, o Welt, fall' ein"!