Der Wanderer.
—« «MS« «r»----
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqcm. Zeitung.
1851. — M 103.
Der Stauffer.
(Fortsetzung.)
Der dritte Bedenktag war um; der Stauffer ging mit schwellender Seele hinab zum Jakob Büchner, verschloß sich mit ihm und seinem Weibe inS Siüble und eröffnete ihnen, daß ihr Sohn die Hand Mariele'S erhal- ten solle.
Er hatte das kaum gesagt, als er das Gesicht in die Hände legte und kein Wort mehr sprach; eö wollte ihm das Herz abstoßen.
Der Büchner und sein Weib brachen in laute Zeichen der Freude auS.
Sie riefen ihren Sohn Wendelin und theilten ihm seine glückselige Aufsicht mit; er wurde blaß vor Freude und der Hut entfiel seiner Hand.
Der Stauffer aber erholte sich nach einer Weile, schickte die Alten auS dem Stüble und blieb mit dem Burschen allein. Kaum waren Jene fort, als er aussprang und aus den Wendelin losfuhr, als wollte er ihn erwürgen. „Du bist mein Kind nicht werth , du willst wir mein Kind entführen", rief er, „ich will dich lieber gleich bei Seite schaffen" ! Aber anstatt ihn würgend anzusassen, fiel er ihm schluchzend um den Hals und rief: »Mein Mariele ist dein! Trag mir's auf den Hândenl Gott hat nichts Schöneres und Besseres erschaffen. Jetzt ist der alte Stauffer um Alles kommen! Richtet mich nicht zu Grund' und habt mich Beide gerne . . . Meine Ruh ist hin! . ." Er setzte sich wieder und drückte seine Stirn vor Schmerz verstummend in beide Hände; dann stand er auf und ging davon, und ging nicht heim, und ging die halbe Nacht von harter Pein durchwühlt durch 8klb und Wald dahin.
Er sah NichtS als daS EngelSgesicht von seinem Mariele, wie eS lächelte; wie ein trauriger Schatten darüber lief, wie eS sich verklärte.
Als er nach Mitternacht heimkam, war eS in seinem Hause bereits schlummerstille; aber eS war ihm, alS höre er Mariele'S leise Schritte durch die Vorhalle und über die Treppe gehen; mit ihrer Stimme erging eS ihm wie mit einer schönen Melodie, die oft die ganze Nacht im Ohre klingt, wenn sie den Tag über gehört worben ist. Der Stouffer trat in sein Zimmer und sah noch eine Weile zum Fenster hinaus, da ging ein seltsam Eigenthümliches mit ihm vor.
Es wurde der traumhafte Wunsch in ihm rege, daß seine See!' sich eine Weile jetzt von seinem Körper löse und von allem Erdendampf und Veto befreit für sich bestehe und erscheine; daS Gleiche solle sich mit Mariele'S engelholder Seele begeben: da müßte nun in den reinen geistigen Mienen Beider AlleS liegen, waS ihr Wunsch und ihre Sehnsucht, ihr Wille und ihr bestes Trachten wäre. Kein rauhes unbeholfenes Wort würde Mißverständniß bringen, man jähe sich an, man wüßte AlleS, man wäre einverstanden, man wäre froh und zufrieden. Der Stauffer ging schlafen und sah sich im Traume wirklich am Feldrain unweit seines Hauses neben der verklärten Gestalt Marirlie'S auf- und niedergehen, sie waren Beide so verklärt, so leicht, so selig, so einverstanden ; eS war so wunderbar licht und dämmernd, kein rechter Boden unter ihnen und doch AlleS io sicher, so fest; sie sprachen kein Wort und gingen so glücklich Hand in Hand: ein Ton wie Mariele'S Stimme bebte und schwebte nur immer wie wehmüthiger, fernher kommender Saitenklang über ihren Häuptern.
Stauffer erwachte mit von Thränen überfluteten Wangen. Er halte im Traume befliß geweint.
Die Vögel sangen, die Berghâupter glühten in der Morgensonne, die Thäler dampften, auf den Feldern und im Dorfe war eS bereits laut und lebendig geworden.