Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 102.
Der Stauffer.
(Fortsetzung.)
Der Stauffer hatte wieder glückliche Geschäfte gemacht; sein Mariele war siebzehn Jahre alt; auch die schwarzäugige gedrungene Grete und bas feurige Röschen drängten den Jahren zu, in denen sich die Augen umsehen, wo sich das Herzlein niederlassen soll. Der Stauffer beschloß nun auSzuführen, was er längst im Sinne hatte: er zog sich nach und nach ganz von seinem bisherigen Geschäfte zurück, nahm sein Kapital zusammen, lieh an verläßliche Häuser, kaufte Aktien und StaatSpapiere und setzte sich einmal in seinem Hause dauernd fest, um das Glück der Kinder mit Bedacht und Muße zu begründen. So standen'die Dinge seit einem halben Jahre; so im bequemen Ruhestand erblickten wir den Stauffer am vorgeschilderten Sonntag.
In seinem Wesen war eine gewisse Milde durchgedrungen, obwohl er mit der Nachbarschaft noch immer scharf geschieden lebte. Am meisten näherte er sich noch dem Jakob Büchner, dessen HauS dem seinen am nächsten stand. Er erschien dort gern manchmal gegen Abend, setzte sich neben der HauSlhüre auf die Wandbank, ließ den Büchner um sein Weib zu sich herankommen, redete mit ihnen, ohne seinen Augen Ruhe zu gönnen, die rast- los herumsprangen und Alles zum HauS gehörige jede Minute zweimal sozusagen in die Hand nahmen. HauS, Geräthe, Stall, Thiere, Scheuer, Getrcidevvrrath, Garten, Alles, Alles wurde betrachtet und wieder betrachtet, aber Alles immer nur wie hinter der Wand hervor.
Er wußte warum.
Er meinte, der Büchner und sein Weib würden glauben, es geschehe aus purer Höflichkeit; sie stellten sich auch, als ob sie dieser Meinung wären und wußten warum.
Lieb war eS dem Stauffer, wenn der junge Büchner, ein hübscher Bursche von achtzehn Jahren, gerade zu der Zeit, wo er kam, eine Arbeit vor dem Hause im großen Hofraum verrichtete. Er wußte warum. Er konnte den Burschen, seine Kraft, sein Geschick unbemerkt beobachten und dann und wann wie harmlos allerlei Prüfungsfragen hinwerfen, die der Bursche beantworten mußte.
Dieser errieth warum; so oft der Stauffer daher zur „Sitzweile" kam, war der Bursch auch richtig immer um einen Wagen oder Pflug, mit Holzspalten oder mit Herumleiten eines Pferdes oder StiereS beschäftigt; die Fragen Stauffers beantwortete er mit großer Sorgfalt, er wußte warum.
So bft der Stauffer dann nach Hause ging, dachte er: „Ich glaub', dem werde ich meine Unterschrift noch geben" ; aber es schoß ihm gleich wieder das Blut gegen daS Herz, wenn er dachte, dem Burschen könnte eS ein# fallen, eigenmächtig um sein Mariele zu werben.
Dazu fehlte noch viel.
Indeß — der menschliche Wille wäre manchmal in seinen Entschließungen noch viel langsamer, wenn ihm die Umstände nicht mit geballten Fäusten in den Rücken fielen und ihn vorwärts drängten.
Die Anfragen unter der Hand, die verhüllten Bewerbungen um die Hand Mariele'S mehrten sich von Tag zu Tag. Sie ergingen immer nur an den Vater. Glaubte man, wenn der grimmige Vater gewonnen sei, daß sich im Engelsgemüth Mariele's kein Widerstand erheben werde? Solche Bewerbungen kamen auch von Angestellten beim Oberamt und von allerlei, mitunter würdigen Herrenleuten auS der Stadt. Letztere Bewerbungen schmeichelten dem Stauffer wirklich eine Zeit lang, bald aber warf er solche Gedanken mitsammt der Perücke aus der Brust: „Mein Mariele muß heirathen", rief er,