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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^F 99.

Der Stauffer.

(Fortsetzung.)

Die Apolonia stand auf und ihr Gesicht rathete sich vor Zorn und Triumph:Wißt Ihr noch was, Stauffer", sagte sie kräftig,so heraus mit all dem Gered' und Gewunder! Ich weiß nur, das Mariele ist verwichenen Sonntag krank gewesen und nicht aus dem HauS ge­kommen".

Der Stauffer sagte betroffen:So? Krank? Arg krank"? schwieg dann und ging eine Weile auf und nie­der. Hierauf fuhr er fort:Warum geht denn der Mies­bacher Florian jüngst so oft nach Seilern, der Weg lauft bei meinem Haus vorüber, er grüßt immer herauf, als ob ihm Jemand nachgucken wollte, und ist auch immer bauerngräflich herausgeputzt" ?

Die Apolonia lächelte ernst und betrübt, sie gab keine Antwort.

Run", rief der Stauffer heftig,hab ich Euerm Gewissen die Red' verschlagen" ?

Die Apolonia schwieg noch eine Weile, dann sagte sie:Stauffer, der alte Messerschmied geht auch die Woch' zweimal nach Seilern im Rock und mit einem neuen Halstuch; er grüßt unö immer. Der Florian ist vor vier Wochen einmal vorüber, aber auf einem anderen Weg".

Der Stauffer schwieg und setzte sich an ein Fenster, das er öffnete. Stille Abenddämmerung lag über der ganzen Gegend. Apolonia wollte gehen, der Stauffer sagte:Bleibt, ich hab' Euch noch Eins zu sagen". Nach einer Weile fuhr er fort:Aplon, wir kriegen einen Hausgenossen mehr oder eigentlich zwei".Wer ist das" ? fragte Apolonia aufmerksam.Ihr wißt, dem Mühlber- ger aus Lohben ist die älteste Tochter unglücklich gewor­den. Es ist deswegen das Haus voll Streit und Grau­

samkeit gegen das Wesen. Ihre Mutter ist todt, der Vater ist ein hamerscher Klotz, ich kann das nicht länger mehr sehen. Das Wesen ist meiner Schwester Kind, ich kann's nicht ganz verlassen".

Die Apolonia sah zu Boden, ein sehr wehmüthiger Gedanke ging ihr durch die Seele. Sie wußte, daß eS mit dem Unfrieden in Mühlbacher's Hause keineswegs so schlimm bestellt sei, und daß sich der Stauffer die zwei Jahre her, seit das Mädchen unglücklich geworden, gar wenig um dasselbe gekümmert habe. Wenn er sie jetzt gerade inS Haus nehmen wollte, da müßte er cS auS einem besonderen Grunde thun. Die Apolonia konnte einen Grund errathen , und dieser tvar eS auch, der sie mit einem Weh sondergleichen erfüllte. Sie durste und wollte natürlich gegen die Aufnahme der Elise nichts einwenden, aber als im Haufe Alles schlief, trat sie vor das Bett Mariele'S hin, weinte und schluchzte bitterlich, sagte mit zitternden Lippen leise:Hier meinem Engel wollen sie eine Wach' auf solche Weis' bestellen" ? küßte die schöne Stirn der Schlummernden und betete lang.

Ein verklärtes Lächeln spielt um den Mund Ma- riele's.

Der Stauffer ging lange nicht schlafen.

Eine neue Pein durchwüthete sein Gemüth.

Jetzt glaubte er gefunden zu haben, warum er von den Menschen da unten so schonend behandelt würde; warum ihn Niemand wegen den drei Festtagen zur Rede stellte.

O, dachte er, wenn ich mich vor diesen Menschen verwahren will, so darf ich Tag und Nacht auf der Wache sein. Die sind sein! Die wissen ihre Rechnung zu machen.

Indem er durch das Fenster auf daS Dorf hinunter­blickte, welches geräuschlos in weicher Sternendämmerung da lag, kam er sich vor wie ein Adler, der Kostbarkei-