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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. JVs 98.

Der Stauffer.

(Fortsetzung.)

Stauffer, Stauffer! Wer Herzen beglücken will, lerne erst daS Glück der Herzen kennen. Du ringst in athemloser Hast nach Gut und Geld, du wüthest alle deine Freude nieder, um deine Kinder zu Glücklichen zu machen; deine Wuth zu besitzen und im Besitz nach neuem Besitz zu ringen, wâhnst du auch in deiner Kinder Brust Stauffer, sind deine Kinder die Erben deiner Erfah­rungen, deiner Leiden, deines Zorns, deiner Rachegedan­ken, deiner Qualen, deiner durchweinten Nächte, deiner durchrasten Tage, deiner Wundmale an den Füßen und deiner schwellenden Narben in der Brust? Lieben und er» wüthen deine Kinder wie du den Besitz? Spielt das sturmgepeitschte Mannesherz dieselbe Melodie wie eine züchtig-zarte ungeprüfte KindeSseele? Wohl ist eS brav und väterlich, der Kinder LooS auf irdisch-festen Grund zu setzen; aber geschehen kann eS, daß der irdisch-feste Grund nur Schauplatz wird der tiefsten Seelenpein, des durch und durchgewühlten Lebensfriedens, eines Thränen- meereS, das der Gram nie ganz erschöpft! Warum willst du Stolz, Prahlerei, Uebermuth, glänzendes Gepränge mit deinen Kindern treiben, statt mit zärtlich-klugen Vater, augen den stillen Herzensfrühling deiner Kinder auSspähen und die Sonne Deines Segens ruhig drüber walten zu lassen? Nach der Gebetstunde gestern, dort unter den Lin­den , als sich der sonntägliche Menschenschwarm hierin und dorthin zerschlug, Stauffer, dort hättest du an den Blicken, an dem Erröthen und Erblassen, an dem fromm- gewaltigen Erbeben zweier Wesen deine Wunder, deine Winke, deine Belehrung finden können, wo daS Glück deines Kindes zu finden, wie eS zu machen sei!

Stauffer fand nicht nur Marien wunderbar erblü­hend , auch Grete und Röschen waren entwickelter und

schöner geworden; daS jüngste Käthchen schien weniger an Körper- als Geistesentfaltung zugenommen zu haben: eS war die lustige Plage deS HauseS geworden.

Am Abend rief der Stauffer die Apolonia wieder auf fein Zimmer, schloß die Thüre und sagte:Aplon, und Ihr sagt mir ja gar Nichts"!

Die Apolonia erwiderte:Was ich weiß, hab' ich gesagt. WaS soll ich jetzt noch sagen"?

So? Und daS ist Alles? Und gegen mich mag Wind und Wetter, Höll' und Teufel, Gott und Menschen loS sein, davon wißt Ihr nichts"?

Mein Gott, gegen Euch ist kein' ehrbare Seele los . . ."

Nein, aber Schurken die Million"!

Ach, was setzt Ihr Euch wieder in Kopf? Ich möcht' auch wissen, woher Ihr Eure Bösewichter immer so regimenterweis nehmt"!

So hat man keinen Bund insgeheim gegen mich"?

Stauffer, ich hab' doch gemeint, Ihr hättet Euern Zorn auf die Menschen lang schon vor die Thür gestellt! Seid Ihr noch im Alten? Die Leute lassen Euch sein, was Ihr wollt; der Himmel segnet Eure Arbeit und Müh ; je Gott du Gerechter! Und habt Ihr Eure Kin­der angesehen, waS ste sür ein Segen find, das Mariele und die andern" ?

Sie weinte vor Freuden.

Ich bin um Alles"! rief der Stauffer.

Apolonia schlug die Hände zusammen:Habt Ihr Erbarmen mit meinem Alter, daß Ihr so waS nur zu meinem Schrecken sagt"?

Meine Ruh ist hin", für der Stauffer fort und ging heftig auf und nieder.

Die Apolonia setzte sich und konnte nicht mehr reden.

Nach einer Weile schien der Stauffer milder zu wer­den, er stellte sich vor die Verzagte hin und sagte»