Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches BeMatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 95.

Der Stauffer.

(Fortsetzung.)

Und bald darauf trat eine Gruppe Menschen aus der Hütte unter der Mühle und ging im Dunkel auf dem kürzesten Wege zum Dorfe hinaus und der Hauslusthöhe zu. Der Stauffer trug sein jüngstes Kind auf dem lin­ken Arme, an der rechten Hand führt? et sein vorjüngsteS Kind, das Röschen; das Mariele und das Gretchen gin­gen rechts und links Neben der Apolonia. Die Apolonia weinte; die Kinder, halb schlaftrunken und nicht begrei­fend diesen geheimnißvoll-nâchtlichen Umzug, schauerten furchtsam; nur daS Mariele blickte bewußter herum und betrachtete mit stillem Vergnügen die schimmernden Sterne. Der Stauffer redete auf dem ganzen Wege kein Wort; seine Schritte griffen rasch aus, ein Zeichen, wie bewegt er innerlich war. Beim obern Fahrwege erbebte er plötz­lich, hielt an und horchte vor sich hin. Fußtritte hatten sich hören lassen und kamen näher. Der Stauffer meinte, das Dorf hätte einen Aufpasser bestellt, der ihn auf Schritt und Tritt auSspionire. Schon wollte er sein jüngstes Kind vom Arm auf den Boden stellen, um jeden absichtlichen Störer seiner geheimen Wanderung wüthend anzufallen; allein er überzeugte sich bald, daß er in sei­nem Argwohn sich geirrt habe. Es war ein Schmuggler, der vorüberschlich, froh, kein lebendes Wesen um sich zu sehen und zu hören. Stauffer ging nun beruhigt mit den Seinen weiter und erreichte daS neue HauS. Er konnte sich nicht klar machen, was sich in ihm regte und bewegte, als der Schlüssel im großen Vorhofthore rauschte und der Thorflügel aufging, ihn und die Seinen einzu­lassen; etwas wie eine leise Wehmuth, daß ihm das zu­fallende Thor zu unbarmherzig die Vergangenheit von der Zukunft abschneide, mischte sich unter seine bunten stür­mischen Empfindungen. Er schritt über den halbrunden

Vorhof und schloß nun auch die Hauöthüre auf. Da hallte so feierlich in der Vorflur von den neuen Wän­den; da mußte Alles so hell und blank sein; Stauffer erschien das erstmal in diesem Hause und ihm war als müßte er leise auftreten, um die vornehme Herrschaft in den Zimmern nicht zu stören.

Er machte Licht.

Der Eindruck war um so größer. Die Lage und Einlheilung der Zimmer kannte er genau, denn er hatte den Plan miteniwerfen helfen. Daher wußte er auch sogleich, in welches Zimmer er die Seinen bringen sollte, eS war jenes im obern Stockwerk, dessen Fenster nach dem Birkenwäldchen sahen. Hier zeigte sich nun, daß er durch seinen Sendboten den Kindern eine große Freude hatte vorbereiten lassen. Ein Christbaum ganz glänzen­der Art voll Geschenke und Silber- und Goldflstter stand mitten im Zimmer da. und nun wurden, um den Jubel der Kinder vollzumachen, auch die hundert Wachslichtlein an den Zweigen angezündet. Der Stauffer küßte seine Kinder, sah dem freudigen Tollen eine Weile zu und sagte dann zur Apolonia:Wenn die Kinder zu Bett sind, kommt hinüber, ich hab' Euch noch waS zu ver­trauen".

Er ging hinaus und betrat eines jener Zimmer, deren Fenster nach dem Dorfe gerichtet sind. Hier machte er kein Licht, damit eS im Dorfe nicht auffalle, sondern öffnete leise ein Fenster und lehnte sich hinaus.

Der Mond ging eben auf.

Am Himmel war es wolkenlos und ruhig, die Sterne blinkten, die Luft, daö Dorf war stille, nur die Mühle sendete ihr einförmiges Rauschen herauf, wie in jener Nacht als der Stauffer durch Ruhländer'S Worte tödt- lich verwundet, auf der Hauölusthöhe stand und sein Herz von sonderbaren Wünschen und Racheplanen schwel­len ließ. Da stand nun das HauS, da lehnte er nun