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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. 3£ 93

Baas Gansendonek.

(Fortsetzung.)

XL

Disteln gesâet, Dornen gemâhet.

An einem schönen Morgen schritt ein junger B auer mit großer Eile auf dem Steinwege von Antwerpen nach Breda. Er keuchte sichtbar, und der Schweiß stand in Perlen auf seiner Stirn. Dennoch strahlte unaussprech­liche Freude auS seinen Augen, und in den flüchtigen Blicken, die er auf die Felder und auf das dunkle Blau deS Himmels warf, funkelten Dankbarkeit gegen Gott und Liebe zu der belebenden Natur. Seine Schritte wa­ren leicht; von Zeit zu Zeit entfuhr ihm ein Schrei der Freude. Man hätte sagen mögen, daß er mit brennender Ungeduld nach einem Orte eilte, wo ein großes Glück seiner harrte.

In der That, eS war Karl der Brauer, dessen Fesseln plötzlich durch eine Ermäßigung der Strafe gefallen waren.

Er kehrte jetzt heim, das Herz voll seliger Träume. Er sollte seine Lisa wieder sehen, sie trösten, ihr Gene­sung bringen; denn war eS nicht seine Verurtheilung, seine Gefangenschaft, welche die Jungfrau unter dem Drucke eines nagenden Schmerzes niederbeugte und krank machte? Und mußte daher nicht feine Befreiung, seine Rückkehr das unfehlbare Heilmittel ihrer Krankheit fein? Ja, er kehrte zu ihr zurück, rein, liebevoll; er überraschte sie durch sein Erscheinen; er wollte ihr zurufen rStehe auf aus Deinem Schmerz, meine Lisa! Hier bin ich, Dein treuer Freund! Schöpfe Kraft aus meiner Liebe; erhebe Dein Haupt voll Hoffnung! All' unser Leid ist vorüber! Blicke muthig und heiter in die Zukunft; lache dem Leben zu; es verspricht uns noch so viele schöne Jahre"!

Und seine gute alte Mutter! wie wollte er sie beloh­nen für ihre liebreichen Schmerzen! Er sah bereits im

Geiste, wie sie ihm vor Rührung schreiend entgegeneilte, fühlte, wie sie ihm die Arme um den Hals schlug, wie ihr Kuß auf seinen Wangen glühte, ihre Thränen seine Stirn benetzten. ..... Liebevoll lachte er diesem süßen Bilde zu, während das WortMutter! Mutter"! ihm von den Lippen fiel.

O, selig war der Jüngling! Die wiedergewonnene Freiheit machte ihm die Brust schwellen. Die düftereiche Haidcluft umwallte ihn und goß LebenSfeuer in seine Lunge; die Lenzsonne vergoldete ringsum das liebliche Grün der Tannen, und kleidite die Natur in ein pracht­volles Festgewand.....Träumend von seiner schönen Zukunst, Gott dankend mit überfließendem Herzen, AlleS, waS er liebte, sich vor die Seele zaubernd, seufzend vor Liebe, lachend vor Glück, schritt der Jüngling immer ra­scher fort, biS er sich ungefähr eine halbe Stunde Wegs von seinem Geburtsdorfe befand.

Dort blieb er plötzlich zitternd stehen, als ob eine häßliche Erscheinung ihn mit Schreck und Verwirrung geschlagen habe.

Aus einem Seitenwege waren drei Herren auf den Steindamm getreten; der Eine war Herr von Bruin­kasteel.

Es "wäre schwer zu sagen, ob diese Personen den jungen Bauer bemerkt hätten: sie sahen ihn jedoch nicht an, sondern schlugen den Weg nach dem Dorfe ein.

Karl war rathloS. Mit dem Baron wollte er jetzt nicht in ein Gespräch kommen, denn er fühlte an dem Pochen seines HerzenS, wie gefährlich eS für ihn werden könne, wenn sein Feind ihn auch nur mit einem einzigen Worte verhöhnte. Stehen bleiben konnte er jedoch auch nicht. Seine Ungeduld, die Geliebte wiederzusehen und seine Mutter zu umarmen, riß ihn zu mächtig vorwärts.

Nach kurzer Ueberlegung faßte er rasch einen Ent­schluß. Er sprang von dem Steindamme auf einen Ne-