Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 91.
Baas Gansendonck.
(Fortsetzung.)
Der leiseste Seufzer seiner kranken Tochter durch, schauerte ihn, ihr peinlicher Husten zerriß ihm daS Herz. Wenn sie ihren leidenden Blick auf ihn richtete, so bebte er, als ob in ihren müden Augen für ihn das schreckliche Wort Kindesmörder zu lesen sei. — Jetzt, wo das Gefühl der Liebe in seinem Innern sich rein und mächtig von den Banden deS Hochmuths befreit hatte, würde er den bittersten Tod mit Freuden erduldet haben, hätte er das Leden seines Kindes dadurch auch nur um ein einziges Jahr verlängern können.
Armer Gansendonck! Ihm hatte Alles so zugelacht auf der Welt. So himmlisch schöne Träme von Glück und Größe hatten ihn sein ganzes Leben hindurch um< gaukelt und gewiegt! Nun saß er da wie ein stummer Schatten bei seinem hinsterbenden Kinde — ängstlich; und zitternd wie ein Missethäter auf der Bank der Schande.
Wenn auf der einen Seite beständiges Nagen deS! Gewissens, das stete Nachdenken seinen Körper alt gemacht, so hatte es auf der anderen Seite dagegen seinen Geist aus dem Dunkel des Hochmuths und der Vermes- senheit zur Klarheit geführt und seine Gemüthsart sehr gemildert. Jetzt war seine Kleidung gering, seine Rede freundlich, seine Haltung bescheiden. Geduldig sein schwe, reS Schicksal tragend, war jetzt seine einzige Lebensaufgabe, seiner Tochter Schmerzen zu lindern, sein einziges Streben, Karl'S Befreiung.
Seit einer halben Stunde bereits saß BaaS Gansen« donck in derselben Stellung. Er hielt den Odem an und rührte sich nicht, auS Furcht die Ruhe seiner Tochter zu stören.
Endlich hob Lisa mit einem schmerzlichen Seufzer den Kopf empor, als liege ihr das Kissen nicht bequem. BaaS Gansendonck näherte sich ihr mit tiefem Gefühl:
Lisalieb, eS verdrießt Dich so, hier immer allein in dieser Kammer zu sitzen, nicht wahr? Sieh, die Sonne scheint so hell draußen, die Luft ist so sanft uud frisch! Ich habe einen Stuhl in den Hof gesetzt. Soll ich Dich in den Sonnenschein führen? Der Doktor hat gesagt, daß Dir daS gut thun würde".
„Ach nein, laß mich hier sitzen", seufzte das Mädchen, „daS Kissen ist so hart".
„Die ewige Stille dieser Kammer ist peinlich, Lisa; Dein Herz bedarf der Erquickung".
„Die ewige Stille" ? wiederholte die Jungfrau sinnend, „Wie muß es still und süß sein im Grabe" I
„Laß die bittern Gedanken, Lisa. Komm, soll ich Dir helfen? Niemand soll Dich sehen. Ich schließe die Hofthür zu; Du sollst in der schönen Buchenlaube sitzen, und sehen, wie prächtig die Blumèn blühen und hören, wie lieblich die Vögel singen. Thu' eS mir zu Gefallen, Lisa".
„Nun denn Vater", antwortete sie, „Dir zu Liebe will ich versuchen, ob ich noch so weit gehen kann".
Mit beiden Händen sich auf den Tisch stützend, richtete sie sich langsam auf, den Augen ihres VaterS ent# strömicn heiße Thränen , als er sah, wie sie auf ihren Füßen schwankte und alle ihre Glieder zitterten, als erliege sie unter der Last ihres Körpers. Er faßte sie stumm unter dem Arme und trug sie mehr, als daß er sie stützte. So gingen Beide, Schritt für Schritt, durch das Haus, und kamen, nachdem sie mehr als einmal stehen geblieben, um auSzuruhen, in den Hof, wo Lisa erschöpft und schmerzlich hustend sich in den Lehnstuhl fallen ließ.
Nachdem der Baas ihr Kissen im Rücken und unter ° dem Kopfe zurecht gelegt hatte, setzte er sich neben sie auf