Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — J0 78.
Baas Ganfendonck.
(Fortsetzung.)
Lisa saß im Vorzimmer am Fenster; tiefe Trauer lag auf ihrem Gesichte; sie hielt eine Nadel in der einen nnd eine Stickerei in der andern Hand; aber ihre Gedanken waren weit davon entfernt; denn sie blieb unbeweglich, und arbeitete nicht.
„WaS ist daS"? rief BaaS Ganfendonck ärgerlich. »Ich bin von Kopf zu Füßen angezogen, und Du sitzest da, als ob gar Nichts vor sich ginge".
„Ich bin bereit, Vater"! antwortete Lisa mit freund- kicher Gelassenheit.
„Vater! Vater! Du willst, daß ich aus der Haut fahren soll"?
„Ich bin bereit, Papa"! wiederholte daS Mädchen.
„Stehe einmal auf"! „entgegnete BaaS Gansen- douck, mit strengem Gesicht. „WaS hast Du da für ein Kleid an"?
„Mein Sonntagskleid, Papa"!
„Schnell ziehst Du mir Dein neues Kleid an und setzest den Hut mit Blumen auf"!
Lisa senkte den Kopf und antwortete nicht.
„Na, wie lange dauert eS"? schrie Ganfendonck. „Wirst Du reden oder nicht"?
„Ach, Papa"! bat Lisa, „zwinge mich nicht! DaS Kleid und der Hut ziemen sich nicht für unsern Stand; ich wage nicht damit durch daS Dorf zu gehen. Du willst, daß ich Dir nach dem Jagdhofe folge, obgleich ich Dich auf den Knieen gebeten habe, mich zu Hause zu lassen. Nun denn, daS will ich thun; aber um Got» teSwillen, laß mich in meinen Sonntagskleidern gehen"!
„Mit einer Haube? und nur mit einem einzigen Kragen unten am Kleide"? spottete BaaS Ganfendonck. „Du wirst schön auSsehen an einer Tafel mit vergoldeten
Schüsseln und silbernen Löffeln. Komm', komm'; mache nicht so viele Worte! Dein neues Kleid an und den Hut auf! ich will eS haben"!
„Du magst thun, was Dir gut dünkt, Pqpa"! seufzte Lisa, betrübt den Kopf sinken lassend; „Du kannst mich bestrafen, mich auSzanken; ich ziehe daS neue Kleid nicht an, ich trage den Hut nicht......"
Aus dem Winkel am Feuer nickte Kobe mit dem Kopfe, um die Jungfrau zu ermuthigen.
Der BaaS wandte sich zu dem Knechte, und fragte wüthend :
„Na, waS sagst Du zu einer Tochter, die so mit ihrem Vater zu sprechen wagt"?
„ES ist möglich, daß sie Recht hat BaaS"!
„Was sagst Du? Du auch? Habt Ihr Euch mit einander verabredet, um mich vor Aerger bersten zu machen? Ich will eS Dir lehren, Du undankbarer Lump! Morgen ziehst Du ab".
„Aber lieber Baas, Ihr versteht mich nicht"! antwortete der Knabe mit erheuchelter Furcht. „Ich meine, Lisa könnte Recht haben, wenn sie nicht Unrecht hat".
„Na, da sprich ein anderes Mal deutlicher"!
„Ja, BaaS"!
„Und Du, Lisa, spute Dich! Mag eS Dir lieb oder leid fein, Du sollst mir gehorchen, und müßte ich Dir daö Kleid mit Gewalt anziehen"!
DaS Mädchen brach in Thränen auS. Ihr Vater wurde noch ärgerlicher dadurch; denn er murmelte heftig mit sich selbst und schob die Stühle durch einander.
„Noch besser"! schrie er „Heule nur eine oder zwei Stunden, Lisa! Dann wirst Du erst recht schön aussehen, mit einem Paar rother Augen, wie ein weißes Kaninchen ! Ich will nicht haben, daß Du Thränen vergießest; daS ist blos ein Pfiff um zu Hauie bleiben zu können".
Das Mädchen blieb stumm und fuhr fort zu weinen.