Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 3f 70. ------ -------—
Baas Gansendonck.
(Fortsetzung)
Ehrbarkeit, der Frauen Ruhm. Schöne aber zarte Blum'!
Zwei Monate waren verstrichen.
Eines Morgens früh stanven drei oder vier junge Bauern in der Schmiede und schwatzten dort über allerlei Dinge. SuS hielt mit der einen Hand ein Eisen im Feuer und z,g mit der andern an dem Blasebalg, indem er sich langsam ein Stückchen pfiff.
„Nun, wer hat die Neuigkeit schon gehört"? rief einer von den jungen Männern „Lisa Gansendonck hei- rathet einen Baron".
„Oho", lachte der Schmied, „nächstes Jahr fällt Ostern auf einen Freitag! Geh', verkaufe Deine Neuigkeit auf einem andern Markt".
„Ja, ja, sie heirathet den Junker, der seit sechs oder sieben Wochen beständig im Heiligen Sebastian liegt".
„Wenn es glückt, kalbt der Ochse" ! rief SuS.
„Ihr glaubt es nicht? Der Blaeskaek hat eS selbst dem Notar gesagt".
„Dann glaub' ich'S noch viel weniger".
„Wißt Ihr, waS ich denke? Baas Gansendonck braut sich da selbst ein gar bitteres Bier. Ueber Jungfer Lisa gehn schon gar wunderliche Gerüchte um. Die Leute reden von ihr wie die Juden vom "Speck".
„Der Blaeskaek bekommt nur was er verdient, und die leichtsinnige Modepuppe auch. Wer mit der Katz' spielt, den kratzt sie, sagt daS Sprüchwort".
„Und der unglückliche Karl, der dumm genug ist, sich das verdrießen zu lassen. Ich ließe sie zum Guckguck fahren mit sammt ihrem Herrn Baron"!
„Da kommt Karl", sagte einer von den Bauern, der an der Thür stand. — „Schon von Weiten kann man ihm ansehen, daß er traurig ist, er hängt den Kopf auf die Brust wie Jemand der Stecknadeln sucht. Er sieht auS als hätt' er schon seinen Sarg bestellt".
Alle steckten die Köpfe hinaus und sahen nach Karl, der langsam mit zu Boden gerichteten Blicken und achtlos träumend über den Weg schritt.
SuS warf seinen Hammer mit Gewalt auf den Amboß und murrte in sich hinein alS hätte ein plötzlicher Aerger ihm die Stimme gelähmt.
„WaS fällt Euch denn an"? fragten die Anderen.
„Wenn ich Karl sehe, kocht mir das Blut", rief SuS „ich würde mich verbindlich machen ein ganzes Jahr kein Bier zu sehen, wenn ich dem Blaeskaek EinS auf dem Rücken schmieden könnte. — Der hochmüthige Lump! Er wird durch seine dummen Grillen seine Tochter in Schande bringen; das versteht er; aber der Leichtfuß von Mädchen verdient eS auch nicht besser! Daß er mir aber meinem Freund Karl vor Verdruß die Auszehrung an den HalS bringt, und ihn in die Grube jagt,.... einen Jungen wie ein Baum, reich, geschickt, herzensgut, der mehr werth ist als hundert solche Prahlhänse und Modepuppen, das ist zum Tollwerken. Seht, ich wünsche Niemanden Uebles, aber wenn Gansendonck zufällig den HalS bräche, so würde ich meinen, daS ist eine Strafe GotteS".
„Beruhigt Euch, SuS; Hochmuth kommt vor dem Fall. Wenn die Ameise Flügel bekommt, stirbt sie bald".
„Droht nicht zuviel, SuS, der Blaeskaek hat gesagt, er ließe Euch noch in'S Loch stecken".
„Pah, ich kümmere mich soviel um den Prahler alS ob er an die Mauer gemalt wäre".
„Aber, könnt Ihr Karl nicht begreiflich machen, daß er sie laufen läßt, wofür sie gut ist"?