Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 65.
Baas Ganfendonck.
(Fortsetzung.)
IV.
Bringe den Wolf niemals in deinen Schafstall.
Es war ein prachtvoller Morgen. Die Sonne erschien am Horizonte in einer Gluth von brennendem Golde, auS der glänzende Strahlenbüschel über den ganzen Himmel schossen. Ihr funkelndes Licht bohrte sich spielend durch die Fensterscheiben des Heiligen Sebastian und fiel dort, wie ein rosenfarbiger Glanz auf die Stirn einer Jungfrau.
Lisa Gansenbonck saß am Fenster vor einem Tisch. — Sie träumte — denn ihre langen schwarzen Wimpern hingen über ihre Augen hinab, und ein stilles Lächeln spielte um ihren Mund, während dann und wann ein rothes Wölkchen auf ihren bleichen Wangen eine eigenthümliche Rührung ihres Herzens beurkundete.... Gleich darauf aber richtete sie sich plötzlich empor auf ihrem Stuhl; ihre Augen schienen Heller zu leuchten und sie lachte deutlicher, als ob ein Gefühl von Glück sich ihrer bemächtigt habe.
Sie ergriff eine französische Zeitung auS Antwerpen, die offen vor ihr lag und, nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte, verfiel sie wieder in ihr früheres stilles Sinnen.
Wie reizend saß sie da, einem lieblichen Traume gleich, umgeben von der tiefsten Stille und beleuchtet von dem wärmsten Strahl der Morgensonne! Bleich und zart, jung und lieblich wie eine halb geschlossene weiße Rose, deren Kelch sich erst am nächsten Tage ganz öffnen wird. —
Klänge, so zarte und zitternd, wie der sterbende Seufzerhauch eines fernen Saitenspiels entglitten ihren Lippen. Tiefathmend sagte sie;
— „O, in der Stadt muß man glücklich sein! Ein solcher Ball! Alle die reichen Toiletten, Diamanten, Blumen im Haar, Kleider so kostbar, daß man ein halbes Dorf dafür kaufen könnte; Alles strahlend von Gold und Licht! Und dazu die Artigkeit, die schöne Sprache. Ach, könnte ich das nur einmal sehen und wäre eS auch nur durch ein Fenster"!
Nach langem Sinnen schien der bezaubernde Gedanke von einem Ball in der Stadt sie endlich zu verlassen. Sie stand von dem Tische auf, und trat vor einen Spiegel, in welchem sie sich aufmerksam betrachtete, hier und dort eine Falte im Kleide ordnend, oder ihr schönes schwarzes Haar glatt streichend, damit es noch mehr erglänze.
Uebrigens war sie sehr einfach gekleidet, und man würde in ihrem Putze nicht eins zu tadeln gefunden haben, wenn nicht der Geruch des Kuhstalles, die verräucherten Wände des Wirthshauses und die zinnernen Kannen auf dem Bord von allen Seiten geschrien hätten, daß Jungfrau Lisa nicht an ihrem Platze sei.
Ihr schwarzseideneS Kleid war schlicht und nur mit einem einzigen Volant, ihr Fichu rosenfarb und Beides paßte so schön zu ihrem blassen Gesicht. DaS Haar trug sie unbedeckt, einfach anliegend und hinten auf dem Kopse in einem Krönchen zusammengeflochten.
Nachdem sie eine Weile vor dem Spiegel zugebracht, setzte sie sich wieder an den Tisch und begann gleichmüthig einen Spitzenkragen zu sticken, während ihre umherschweisenden Blicke bezeugten, daß sie mit dem Gedanken sehr fern von ihrer Arbeit war. Gleich darauf, sagte sie sinnend mit beinah unhörbarer Stimme:
— „Die Jagd ist eröffnet; die Herren aus der Stadt werden nun wieder herauskommen. Vater sagt, ich müsse freundlich mit ihnen sein.— Er will mich mit nach der Stadt nehmen um mir einen seidenen Hut zu laufen .... Ich darf nicht mit niedergeschlagenen Klugen da