Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 63
Baas Gansendonck.
(Fortsetzung)
Der geärgerte Gansendonck riß ihm die Gaffel auS der Hand und wollte ihn damit schlagen; aber als der erschreckte Knecht bemerkte, daß eS Ernst war, sprang er zurück und rief mit emporgehobenen Armen.
„Ach, Gott! ach, Gott! Nun ist unser BaaS ganz verrückt geworben" 1
„Prahlhans! Prahlhans"! — rief wieder Jemand hinter Peer G ansenvonck'S Rücken.
Jetzt ward er erst gewahr, daß in den Zweigen der Buche eine Elster saß, und daß dieser Vogel daS Scheltwort wiederholte.
„Kobe, Kobe"! rief er, „laufe und hole mein Jagdgewehr! Es ist Vie Elster deS Schmiedes! DaS verfluchte Vieh muß sterben"!
Aber die Elster verließ den Baum und flog nach Hause.
Der Knecht brach in ein so volles Gelächter auS, daß er auf daS GraS sank, und sich dort eine Zeitlang hin und her rollte.
„Hör' auf"! schrie der BaaS, „hör auf, oder ich jage Dich fort! Höre auf zu Lachen, sage ich Dir" !
„Ich kann nicht, Baas"!
„Stehe auf"!
„Ja, Baas" !
„Unter einer Bedingung will ich Deine Ungezogenheit verzeihen: Du mußt der Elster deS Schmiedes das Garaus machen"!
„Womit, BaaS"?
„Mit Gift" 1 .
„Ja, BaaS, wenn sie eS nur frißt"!
„So schieße sie to»t" !
„Ja, Baas"!
„Komme, laß uns gehen! Aber waS sehe ich dort in meinem Tannenwâldchen ! Da sei man einmal Eigenthümer, wenn Einen Jeder plündern darf"!
Nach diesen Worten lief er, von dem Knechte begleitet scheltend hin.
Er hatte von Weitem gesehen, daß eine arme Frau und zwei Kinder damir beschäftigt waren, die dürren Aeste auS den Tannen zu brechen und zu einem großen Reisigbündel zusammenzubinden.
Obwohl ein uralter Gebrauch den ArMen gestattet, dürres Holz in den Tannenwäldern zu sammeln, so konnte BaaS Gansendonck m3 doch nicht leiden. Das dürre Holz war ja eben sowohl sein Eigenthum wie daS grüne, und sein Eigenthum durfte Niemand anrühren. Obendrein war eS nur eine Frau, und er hatte daher weder Widerstand noch Spott zu fürchten. Dieß flößte ihm Muth ein und gab ihm Gelegenheit, seinem ganzen Zorne Lust zu machen.
Er packte die arme Frau bei der Schulter und rief:
„Unverschämte Holzdiebe! Vorwärts! Mit nach dem Dorfe! In die Hände der GenSdarmen! in'S Loch, Ihr Spitzbuben!"
Die zitternde Frau ließ daS aufgeraffte Holz fallen und ward so bestürzt von der schrecklichen Drohung, daß sie sprachlos zu weinen anfing. Die beiden Kinder hielten sich an den Kleidern ihrer Mutter fest und erfüllten daS Gehölz mit ihrem Schreien.
Kobe schüttelte verdrießlich den Kopf; der qleichgül, tige Ausdruck war von seinem Gesichte verschwunden; ein Gefühl deS Mitleides schien sich seiner bemächtigt zu haben.
„Komme her, Du Faulpelz!" — rief der BaaS ihm zu — „Strecke doch die Hand auS, um die DiebSbrul zu den GenSvarmen zu bringen!"