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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M LS

Baas Gansendonck.

(Fortsetzung.)

I.

Wenn Nichts mit Etwas sich verflicht Kennt sich das Etwas selber nich).

' BaaS Gansendonck war ein sonderbarer Mann. Ob­wohl von den niedrigsten Dorfbewohnern herstammend, hatte er sich doch schon früh eingebildet, daß er aus viel edlerem Stoffe gemacht sei, als die andern Bauern, daß er allein weit mehr wisse, als ein ganzer Hause Gelehrter zusammen, daß die Gemeindeangelegenheiten in Verwir­rung geriethen und den Krebsgang gingen, blos weil er mit seinem Verstände nicht Bürgermeister sei, und viele andere Dinge dieser Art.

Und doch kann der arme Mann weder lesen noch schreiben und hat von den meisten Dingen sehr wenig vergessen......aber er hatte ja viel Geld.

In dieser Hinsicht wenigstens glich er vielen vor­nehmen Leuten, deren Verstand auch in einer Kiste hinter dem Schlosse liegt, oder deren Weisheit sür fünf Prozent Zinsen auSgeliehen, ihnen jährlich mit diesen Zinsen von Neuem in den Kopf kommt.

Die Bewohner des Dorfes, täglich durch die Ein­bildung von BaaS Gansendonck beleidigt, hatten allmälig einen tiefen Haß gegen ihn gefaßt, und nannten ihn spottweise den BlaeSkaek (den PrahlhanS).

Der BaaS oder Wirth zum heiligen Sebastian war Wittwer und hatte nur ein einziges Kind. ES war eine Tochter von achtzehn oder neunzehn Jahren, schwach und bleich, aber so zart und fein von Gesicht, so lieblich und anmuthig von Charakter, daß sie die Augen vieler junger Männer auf sich zog. Ihr Vater, in seiner Thorheit, hielt sie für viel zu gut, zu gebildet und zu schön, um sich mit einem Bauernsohn zu verheirathen. Er hatte sie auf einige Jahre in eine berühmte Erziehungsanstalt ge­

than, um dort Französisch und einige Manieren zu lernen, wie sie sich für ihre hohe Bestimmung geziemten.

Glücklicher Weise war Lisa, oder Lieschen, wie die Bauern sie nannten, eben so einfach zurückgekehrt, obwohl dort allerdings der Saame der Eitelkeit und deS Leicht­sinns, wenn auch nur in geringem Maße, in ihren Geist gestreut worden; aber die natürliche Reinheit ihres Her­zens ließ die gefährlichen Keime nicht aufkommen, wäh­rend ihre jungfräuliche Unschuld, selbst den Anzeichen der­selben etwas Reizendes verlieh, das Alles an ihr liebens­würdig machte.

Wie gewöhnlich hatte sie nur eine halbe Erziehung' bekommen; sie verstand ziemlich gut Französisch, sprach es jedoch unvollkommen. Dagegen konnte sie sehr fertig sticken, bunte Pantoffeln und Ruhekissen machen, mit Perlen stricken, Blumen in Papier auSschneiven, äußerst freundlich guten Tag sagen, sich neigen und verbeu­gen, sehr kunstreich tanzen und viele andere Liebhabereien mehr, die zu dem Bauernhause ihres Vaters paßten, wie, mit dem Sprüchwort zu reden, ein Spitzenkragen zu dem Hals einer Kuh.

Von Kindheit an war Lisa dazu bestimmt worden, sich mit Karl, dem Sohn des Brauers, einem der schön­sten jungen Männer weil und breit, zu verheirathen. Er war für einen Dorfbewohner sehr wohlhabend und recht gebildet, da er einige Jahre daS Gymnasium zu Hoog- stratcn besucht hatte.

Das Studircn hatte ihn indessen wenig verändert; er liebte die zwanglose Freiheit des Landlebens, war fröh­lich wie ein Vogel, trank und sang ehr- und tugendsam mit Jedermann voller Lebenslust und benahm sich gegen jeden Bekannten als ein wackerer Freund und Kamerad.

Wegen des frühzeitigen Todes seines Vaters hatte er daS Gymnasium verlassen, um seiner Mutter bei der Verwaltung der Brauerei behülflich zu sein, und die