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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M 58.

Baas Gansendonck.

Aus dem Vlâmischen des Hendrik Conscience.*)

Erinnerung.

(Als Einleitung.)

In einem Dorfe zwischen Hoogstraten und Calmpt- hout in den Antwerpener Kempen wohnte Peer Gansen- donck, der Baas der Wirthschaft zum Heiligen Se­bastian.

Ich habe ihn gekannt nach 1830, als ich Soldat war; aus jener Zeit weiß ich aber nichts mehr von ihm, als nur, daß er weder Soldaten noch Bauern leiden konnte und am liebsten mit Offizieren zu thun hatte; auch war er außerordentlich aufgebracht gegen den Bür­germeister, weil dieser den Kapitän der Kompagnie in seine eigene Wohnung genommen, die andern drei Osfi« ziere zu dem Baron, dem Notar und dem Doktor gelegt und ihm, Peer Gansendonck, Niemanden zu beherbergen gelassen, als den Sergeant-Major, Eueren gehorsamsten Diener.

Ich erinnere mich auch, daß ich meine müßigen Stun­den oft damit ausfüllte, allerlei hübsches Spielzeug für Lieschen, daS fünfjährige Töchterchen deS Baas Gansen­donck, zu verfertigen. Das Kind kränkelte und schien sich auszuzehren; aber eS war etwas so Liebliches in seinen engelhaften Aeugelchen, etwas so Reines in seinem mar­mornen Gesichtchen, so süß Klagendes in seinem silbernen Stimmchen, daß ich eine Art von Glück darin fand, daS kranke Lämmchen durch Spiel, Gesang und Erzählungen zu trösten und zu erquicken.

Wie bitterlich weinte Lieschen, wie rollten ihm die Thränen über die Wangen, als die Trommeln zum letzten Male Lebewohl! wirbelten und sein guter Freund, der Sergeant-Major, mit dem Tornister auf dem Rücken, dort

*) Leipzig, Verlag von Carl B. Lorck.

marschfertig stand, um für immer fortzuziehen! aber solche Eindrücke verschwinden so schnell aus dem jungen Gemüth. Seitdem habe ich nie mehr an das kleine Lieschen gedacht, und daS Kind hat mich ohne Zweifel ebenso ganz und gar vergessen.

Vor Kurzem führten mich meine Streifzüge durch die Kempen wieder zum ersten Male in dasselbe Dorf. Ich betrat eS ohne Vorgefühl, ohne die geringste Er, Wartung.

Kaum hatte jedoch mein Inneres das Bild der Kirche, der Häuser und der Bäume in sich ausgenommen, als ein Lächeln der Ueberraschung auf mein Gesicht trat und die Brust mir von froher Rührung schwoll. Ganz besonders war es der Anblick des alten Schildes über der Thür deS Wirthshauses, der mir das Herz klopfen machte Er, schüttelt senkte ich den Kopf und blieb eine Weile unbe- weglich stehen, um den Strom jugendlicher Erinnerungen zu genießen, der wie eine warme wohlthätige Fluth mir durch daS Haupt wogte.

Wie muß in der Jugend unsere Seele doch lieben und kräftig sein, daß sie Alles, waS sie umringt, auf immer in sich aufnimmt und in eine unvergängliche Wolke der Neigung hüllt! Menschen, Bäume, Häuser, Worte, Alles, lebend oder leblos, wird ein Theil unseres eigenen Wesens; an jeden Gegenstand festen wir eine Erinnerung, die so schön und so süß ist, wie unsere Jugend selbst. Unsere Seele fließt über von Kraft; sie sprüht Funken und Blitze ihres Lebens über alles Geschaffene, und wäh, rc> d wir unaufhaltsam dem Glücke entgegenjauchzen, daS unS, Kinder oder Jünglinge, in der unbekränzten Zukunft erwartet, jubelt und singt Alles in der Natur einstimmig

I mit unS.

Ach! wie liebe ich die Weide, die Linde, den Pacht- Hof, die Kirche, und alle anderen Dinge, die mich grüßten, als die Rosen der Jugend und die Lilien reiner Lebens--