Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 32 50.
---—iiitiWBiramw»-----
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
„Luitpold"! sagte Therese endlich mit zärtlichem Blick, in schmelzendem Ton. Nie hatte sie so zu ihm geredet, nie mit solchen Augen ihn angeblickt; seine Seele jubelte. „Luilpold", hob sie wieder an, „die Stunde zwingt mich, ganz offen mit Ihnen zu reden. Nehmen Sie mein Bekenntniß: ich liebe Sie". — „Engel, mein Leben, mein AlleS"! antwortete er, sie fester umschließend. Sie wund sich los, sanft, aber entschieden; dann fuhr sie fort: „Bei allem was heilig ist, schwör' ich Ihnen zu, daß ich nicht mit Willen und Vorbedacht Sie hier tingeschloffen. Und nun will ich erkennen, was meine Liebe Ihnen werth ist und ob Sie in mir Ihre verlobte Braut erblicken, die Sie im Ehrenkrânzlein zum Altar zu führen meinen".
Der junge Reiter kämpfte in sich einen harten Strauß, doch errang alSbald die wackere Gesinnung die Oberhand. Dem bebenden Mägdlein die Hand reichend, sagte er fest: „Ich scheide, Therese. Fahre wohl, auf glückliches Wiedersehen" ! Stumm geleitete sie ihn die Stiege hinab zur Thüre, durch welche sie selber ihn eingeführt. Hier umfing sie ihn mit leidenschaftlicher Gewalt, um ihn dann nicht minder heftig von sich zu stoßen, der von der Seligkeit dieser letzten Umarmung trunken in den Garten taumelte. „Harre ein wenig" ! rief sie ihm nach. Gleich darauf klirrte oben das F.nsterlein und die theure Stimme flüsterte: „Kennst Du denn Weg und Steg? Du bist mitten im Lager Deiner Feinde". — „Hat keine Noth", versetzte er; „ich schleiche mich durch nach Landau, meine bedrohte Ehre zu sichern. Von der Jagd her kenn' ich jeden Schlupfwinkel". — „Höre", hob Therese wieder an, „ich will Dir Gewand vom Schmied hinunterwerfen. Verkleide Dich". — Luitpold fand den Vorschlag ver
nünftig. Die Jungfer holte ein blaueS Ucberhemd und einen Schlapphut. Dann nahmen die Verlobten kurzen Abschied, wohl nur darum gar so kurz, weil verdächtige- Geräusch in der Nähe zur Vorsicht mahnte. „Ich lege Helm und Uniform auf die Bank", sagte Luitpold und das Fenster schloß sich. Im Handumwendcn hatte der Junker die Verkleidung bewerkstelligt und war verschwunden. Vielleicht hätte er weniger geeilt, wenn er gedacht, daß Therese alsbald kommen würde, um die Stücke zu holen. „Gul, daß er fort ist" ! sprach sie und log mit diesem Ausdruck der Zufriedenheit sich selber etwas vor. Ganz insgeheim, sozusagen hinter dem eigenen Rücken, hatte sie gehofft, den holden Flüchtling noch zu treffen. An die hochklopfcnde Brust drückte sie mit Inbrunst die grüne Hülle, unter der eben noch daS theure Herz geschlagen.
Dunkle Regenwolken verdüsterten die kaum noch so heitere Sommernacht; schwer sielen einzelne Tropfen auf die Hüte der Streifwache, die sich den Gräben von Landau näherte. Dergleichen geschah Nacht für Nacht in ziemlich ungestörter Sicherheit, weil die zusammengeschmolzene Besatzung kaum mehr auSreichte, den Wachdienst auf dem Hauptwall zu versehen. Sie hätte in der That nicht einmal dazu ausgereichl ohne die dienstbeflissene Hingebung der Offiziere. Deren gab es viele gänzlich ohne Mannschaft, seitdem im Mai die zwei Regimenter Fußvolk auseinander gegangen; so thaten denn die Führer als pflichlgetreue Soldaten selber, waS sie keinem Untergebenen mehr auflragen konnten, und ihrem Beispiel Zeigten auch andere, die etwa noch einen Vorwand gefunden hätten, sich solcher Mühewallung zu entziehen. Ueberhaupt wäre ohne die fast übermenschlichen Anstrengungen der Offiziere die Veste mit ihren großen Vorrâlhen von Waffen und Zeug den Aufständischen in die Hände gefallen.