Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 49.
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
„Therese"! rief Luitpold, und hingerissen vom uncr- warteten Glück der Begegnung, hob er, beide Fäuste auf den Saltelknopf gestemmt, den schlanken Leib wagrecht empor, um sich vom Pferde über den Hag in den Garten zu schwingen. Im nächsten Augenblick hielt er seine Schöne im Arm und preßte einen Kuß, den ersten, auf ! ihre Lippen. Uebergossen vom Purpur aller Rosen ringsumher, wand Therese sich los, doch nicht allzu unsanft, weil eS ihr vorkam, als habe sie den Frevel getheilt. Sie ergriff Luitpolds Hand, und in kaum halbbewußter Scheu vor unberufenen Zeugen zog sie ihn in'S HauS. Er folgte, nimmer eingedenk der kriegerischen Pflicht. Im Kämmerlein wollte er Theresen abermals umfangen. Sie drückte ihn auf den Sessel nieder und schlug seine beiden Hände in Fesseln, deren Süßigkeit ihn dennoch nicht ganz vergessen ließ, daß die Hände gefangen lagen. Daö Mädchen hob an: „Ich bin erstaunt, Sie im königlichen! Dienst zu sehen. Zu Landau heißt eS, Sie seien über- ; gegangen". — Der Junker schüttelte das Haupt. „Beim Himmel", sagte er, ich streite nur mit schwerem Herzen gegen meine deutschen Brüder und gegen die gute Sache. i Dennoch wußte ich mit sauberem Gewissen der herben ’ Wicht mich nicht zu entledigen. Mein Kummer und der | Zwiespalt in meiner Seele lassen mir nichts übrig mehr, ' »ls einen ehrlichen Rcitertov zu suchen, weil mein Miß- l Geschick mich auch noch gegen die theuersten Ueberzeu« ! jungen meiner Angebeteten fechten heißt".
Während der hochtrabenden Ansprache fand Therese ! ihre Fassung und sogar ihren Uebermulh wieder. Sie «vterschied nämlich mit feinem Ohr von der Knittels- ! kirnet Seite her das Knallen von Flintenschüssen, untere
«lischt von Geschützkrachen, daS gleichsam den Baß zum
Tanz brummte, und es entging ihr nicht, daß dort der besagte Reitertod eher zu holen wäre, als in ihrer Kammer. Dennoch war's ihr recht, daß Luitpold den Lärm vollständig überhörte. „Machen Sie sich meinetwegen keinen Kummer", sprach sie, „ich bin unsern jetzigen Republikanern nicht zugeihan. Lumpenvolk sind sie, diese Rothen, die keine Freiheit wollen, sondern Raub und Plünderung. Auf Gut und Geld der Besitzenden haben sie's abgesehen, auf weiter nichts; doch, daß ich nicht lüge, noch etwas wollen sie: Blutvergießen zur Unterhaltung. Die Haare stehen einem Christenmenschen zu Berge, wenn er die Menschen vom Kopfabhacken reden hört, wie die Bauern um Martini vom Schweinemetzeln schwatzen. So hab' ich mir das Ding meiner Lebtag nicht vorgestellt, und unser Herr König Mar ist mir tausendmal lieber als solch eine Republik voll Mord und Raub".
Dem Junker wurde es leicht um'S Herz, wie er die Worte vernahm. Therese sügte hinzu, sie habe damit die Meinung der Bauerschaft des RhcinthalS ausgesprochen, wie denn überhaupt die Gutsbesitzer insgesammt sich vor einem Umschwung der Dinge bedankten, durch welchen sie nicht nur keinen Nutzen ziehen, sondern sogar noch einbüßen sollten. Luitpold warf plötzlich die Frage dazwischen, wcßhalb er für einen Ausreißer gelte? „Ich bin zufällig auf einem Streifritt mit drei Leuten abgeschnilten wor, den", sagte er; „doch verfügte ich mich nach Germersheim, und sendete von dort einen Bericht nach Landau". — „DaS kann ich Ihnen ungefähr erklären", beschied Therese; „gehen doch unsere Boten und Briefe täglich dort ab und zu. Wir bekommen immer besonders Nachrichten wegen des Vetters Napoleon, der mit Bastian und dem Mondschein wegen der Blenkerschen Geschichte gefangen sitzt. Ihr Bericht wird abgefangen sein, und der grobe Niedermoser hat gegen Sie Angeberei getrieben: Sie