Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^F 46.
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
Eines SilberglöckleinS Heller Ton unterbrach die Er- örterung. Ein qreifer Geistlicher, ehrwürdig durch sein Aussehen wie durch den geweihten Beruf selber, kam mit dem Chorknaben und dem Küster deS Weges zu einer scheidenden Christenseele, gerade auf die Echmi.de zu. Die Mehrzahl der Wachtmannschaft entblößte daS Haupt, viele knieten andächtig nieder und nur ganz wenige trugen eine trotzige Nichtachtung zur Schau. Zu diesen letztern gehörte der Lieutenant, während der Hauptmann das Knie beugte. „Sie sind mir ein Râihiel, Bürger Bcstow", sagte Klumer; „noch eben stürzten Sie die Welt kopfüber, und jetzt werfen Sie sich vor dem Pfaffen in den Staub". — „Vor dem hochwürdigsten Gut, nicht vor dem sterblichen Träger", berichtigte Bestow, „und Sie werden mir hoffentlich erlauben, katholisch zu bleiben. Ich lasse ja auch Sie bei Ihrem Glauben. Over meinen Eie vielleicht, ich müsse meiner Kirche absagen, weil die Montalemberts im Namen dieser Kirche die Freiheit mor den 'und in Frankfurt der Jesuiten Spießgesellen im Namen deS Heiligsten die Knechtschaft und den schnöden Gehorsam predigen? Das Christenthum bleibt darum dicht minder die achte und rechte Lehre der Freiheit, der- gestalt, daß, wenn die Menschen sammt und sonderS wahre Christen im Geist und in der Wahrheit wären, sie weiter nichts brauchten, um gut mit einander auSzu- lommen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind blos neue Worte für die alte Lehre. Doch davon begreifen diejenigen nichts, welche die Kirche zu einem Twing- Menschheit machen, eben so wenig wie die, welche den Herrschenden zurufen: hebe dich von dannen, ich will d-n Platz! Noch einmal also,: mit dem Wechsel der Besatzung ist es nicht gethan , ihr müßt die Ringmauer der Zwingburg selber schleifen".
Mit diesen Worten wandte der Hauptmann sich ab, um zu fragen, wohin der Priester gegangen? Der Schnok- kenbans gab Bescheid: „Zur Frau Zciller. Ein unglückliches Wcible, dem eine Wohlthat geschieht, wenn eS stirbt. Der Mann, auch so ein neumodischer Herren- republikaner, sitzt zu Kaiserslautern in den Kneipen herum und hilft regieren, statt daS Geschäft zu besorgen. Der Vater steckt zu Landau in den Kasematten, wenn sie ihn nicht etwa schon gemaßregelt haben. Warum? Darum! Er hat den genfer und Zinn in die Stadt lassen wollen, aber die haben seibigesmal Pech gegeben, weil zufällig ein Kartâlschenschuß losbrummte. Die Geschichten mitsammen haben dem armen Nettchen den Kopf so verwirrt, daß es sich um acht Wochen verrechnete. Zum Glück für die Wirthschaft ist daS BäSle von Frankenweiler herüibergekommen; aber Müller'S Theres' kann mit aller Liebe die Kranke auch nicht heben, und drum wird daS Weible jetzt versehen. Thut mir von ganzem Herzen leid, das Nettchen. Ich bete nicht gar zu gern, doch wenn ich da helfen könnte, sollte mir's auf ein paar Rosenkränze auch nicht ankommen, um dem Napoleon daS Töchterle zu erhalten". — „Sie widersprechen sich selber in Einem Athem", sagte der Hauptmann; „übrigens hab ich nichts dagegen, wenn Sie Ihre drei Stunden Gefängniß in der Kirche absitzen wollen. Aber was cssbt's denn dort für einen Lârm? Ich glaube das soll Gesang vorstellen".
Von der Ecke her rief der Posten: „Eine Streif, wache auf dem Herr'mer Weg. Der Hauptmann Zinn führt sie; ich kenn' ihn am Säbelschwingen". — Richtig war'S der Genannte, der mit einem Trupp Sensenmänner von Herrheim deS WegeS kam. Aus voller Kehle brüllten die Anziehenden den neuesten Gassenhauer: „In der Pfalz, in der Pfalz, wo die Büchsen knallen, wo die Preußen fallen"! Dieses Stückchen volköthümlicher Dich-