Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1851. — ^ 41
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
Unter der Einfahrt nahm der Herr Vetter die an< kommende Verwandte in Empfang. Therese machte die Begrüßung sehr bündig ab, und bevor sie nur nach der Frau Bas' gefragt, flüsterte sie: „Scheint der Mond"? „Grad hab ich ihm einen frischen eingeschenki", versetzte der Drachenwirth eben so und voller Erwartung der kom« menden Dinge. DaS Mädchen sprach weiter: „Eilig ist's, Blenker bringt den Landsturm, und wenn sich kein Ver- râlher findet, um den Anzug zu »erkundschaften, so kann der Handstreich gerathen. Der Mondschein möge nur die rechten Leute an'S Thor schaffen helfen, sagt Blenker; das übrige wisse er ohnehin". — „Gut, mein Kind", sagte der Wirth; „'s soll gleich bestellt sein. Jetzt ein» getreten und ein glattes Gesicht vorgenommen" ! — „Hab ich denn ein „verkrumpeltes" mitgebracht"? fruchte lachend das allerliebste Bäschen und hüpfte leichtfüßig in die WirlhSstube, um dort dem Oheim Napoleon alsbald um den Hals zu fallen.
Die Erscheinung der Jungfer, der lustige Lärm ihres Eintritts, nicht ohne Absicht wohl so laut und ungestüm, logen die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich, so daß der Drachenwirth hinlängliche Muße fand, seinem Gevatter einen Wink zu geben, waS ohnehin nicht schwierig gewesen wäre, da derselbe ohne Brille hörte wie sah. Der Mondschein, also genannt von seiner runden Glatze, verschwand, kam wieder und verlor sich dann abermals. Auch seine lustigen Brüder gingen nach und nach ohne Geräusch ab. Dem Aufpasser kam's freilich wunderlich dor, daß die hartnäckigsten Schoppenstecher abfuhren, lange bevor die MittagSglocke geläutet, doch Verdächtiges hatte er nichts gemerkt. Inzwischen langten der Wacht- «leifter Müller und der Junker Sperbereck mit einander
an. CassiuS setzte sich zu seiner Nichte, und cS verstand sich von selber, daß der Begleiter ihn nicht verließ; hatte doch der eine den andern zu einer Flasche von dem bewußten Traminer eingeladen.
Bald darauf gab's ein Zwischenspiel. Fluchend und wetternd trat ein Bäuerlein herein, warf Hut und Peitsche auf den Tisch und polterte dazu: „Jetzt muß ich erst noch im Belagerungszustand stecken bleiben und schon um acht Uhr meinen richtigen Rausch haben oder nüchtern in'S Bett liegen. Da darf ich mich dran halten. Langt mal einen her, Bastian".—„Ihr habt schon einen guten Grund gelegt", meinte der Wirth, „und 'S ist noch lange Zeit bis zum Abend. Aber weßhalb müßt Ihr denn bleiben" ? — „Das möcht' ich selber wissen", versetzte der; „waS geht uns Bauern eure Herrenrevolution an"?
— „Sollt ihr denn schuldig dran sein und Euch darüber verantworten"? forschte der Wirth. — „Was weiß ich? Die bayerischen Vögel sperren mir und andern ehrlichen Leuten daS Thor vor der Nase zu. Niemand darf mehr auS noch ein. Ein Lärm, ein Drängen, ein Gekreisch ist bei den AuSgängen, daß einem Hören und Sehen vergeht. Vor allen schreien die Weiber und Mädel Ze- termordio, daß sie nicht heim dürfen". Therese erschrack sichtlich. „Da kann ich ja auch nicht nach Hause" ! rief sie. „Um so länger wird unS das Vergnügen zu Theil, Sie hier zu besitzen", meinte Luitpold. Sie aber dachte dabei : „Ja, wenn du nur wüßtest, um was eS sich handelt. Wir sind sicherlich verrathen" ! Der beunruhigende Gedanke hinderte die Jungfrau nicht, die artige Ansprache mit einem huldvollen Blick zu vergelten. Der junge Reiter stand wiederum sehr in Gnaden; mindestens fam’6 ihm selber vor. Verliebte sind wie die Kinder, den flüchtigsten Sonnenblick deuten sie auf schönes Wetter.
Der Oberst Blenker hatte einen Heerhaufen aufgeboten, um Landau zu nehmen, Fußvolk, Reiterei und Ge-