Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 40.
Vor Landau.
(F o r t s e tz u n g.)
Also geschah eS auch dem einspännigen „Berner- wâgele", daS mit ländlichen Erzeugnissen beladen und von einem jungen Mädchen geleitet zur Stadt kam. Die Last zog ein schwerfälliger Ackergaul, der geduldig Aufenthalt um Aufenthalt sich gefallen ließ. Die Lenkerin des Gefährtes theilte nicht ihres Thieres lebensmüde Gelassenheit; beim letzten Thorbogen angelangt, machte sie ein bitterböses Gesicht, waS den vierschrötigen Thor- schreiber nicht hinderte, in aller Gemüthsruhe eine kleine Verhandlung aufzunehmen, wie er sein langweiliges Frag- und Antwortspiel zu heißen pflegte. „Wie heißt Sie? woher? wohin"? begann er, während daS Pferd den gesenkten blauweisen Schlagbaum blinden AngeS anstarrte. DaS Mädchen sah sich um, als meine eS , der Grobian habe Jemand hinter ihm angeredet. „Antwort"! heb der wiederum an, und als die Dirne mäuschenstill blieb, fuhr tr fort: „Wird die Jungfer sich nicht entschließen, daS Vaterunserloch aufzusperren"? — „Spricht der Mann mit mir" ? fragte jetzt die Jungfer. — „Versteht sich, mit wem kenn sonst" ? — „Ich heiße Theres' Müller, Gutsdesitzers- lvchter von Frankenweiler und sage „höre Sie" zu einer Magd". — DaS geht mi nir an", brummte der Schrei- beröknccht; „i miet’ Sie darum lang no kein gnädiges Fräulein schelten. Eigene Kreszenz"? — „Die Kreszenz iß ja Ostern ausgetreten", versetzte Therese. — „Stell kie sich nit dümmer wie Sie ist" , schnarchte der Thor- schreiber das Mädchen mit grober Stimme an; „dumm genu' ist Sie so schon! Sie". — „Ruhig Blut, Anton"! spottete Therese, „'s wird nit halber so gefährlich sein". — ,3 heiß nit Toni", schrie der erboste Mann, „i bin kaveri getauft und laß mir meitt’n ehrlichen Namen nit verketzern, am wenigsten von solchem Patrioteng'sind'l.
Jetzt antwort Sie fein stad, oder i laß Sie einführen".
— „Ich komm schon selber hinein", versetzte Therese; „die Sachen auf dem Wagen soll ich meinem Herrn Vetter, dem Drachenwirth bringen. Der Herr Vetter wartet mit Schmerzen drauf, weil er einen ganzen Haufen Knödrlschlncker abzufüttern hat. Halt' Er mich also nicht länger auf". — „Glei wier' i aufwarten", höhnte nun seinerseits der Thorschreiber und schrie dann aus voller Kehle: „Genskarm, Heda, GenSdarm"!
Schneller als der Gerufene war ein junger Chevaur- leger zur Hand, der überaus höflich dem „Fräulein Müller" guten Morgen bot, und dann ziemlich barsch zum Thorschreiber in seiner altbayerischen Mundart sprach: „Wozu brauchen's den Gendarmen, Herr Niedermoser? Wenn's den Schlagbaum nit selber aufilassen mögen, so will i Ihnen helfen". — „Bitl' gar schön, Gnaden Herr Baron", sprach der plötzlich verwandelte Grobian, und so gelangte durch Luitpolds Vermittlung die ungeduldige Schöne endlich in die Stadt. Sie unterließ nicht, sich recht höflich zu bedanken. Vermuthlich sah sie ein, daß ihre Unbesonnenheit sie in einen schlimmen Handel verwickelt gehabt; wenigstens sagte sie das im Stillen zu sich selber, um ihrer besondern Freundlichkeit Grund und Halt zu geben. Davon, daß sie in der letzten Zeit viel Neu und Leid gemacht, war bei dem blitzschnellen Selbst- gesprâch weiter keine Rede. Noch weniger ließ Therese sich beigehen, ihren Anbeter in den Drachen zu bestellen; aber sie bat ihn, den Oheim Cassiuö dorthin bescheiden zu lassen. In der Eile hatte sie vergessen, daß der Wachtmeister seine freien Stunden ohnehin im Drachen zu verbringen pflegte. Der Junker ließ sichs gesagt sein, daß er Müllers Schwallanscheer herbeizuschaffen habe, und empfahl sich an der nächsten Ecke; zu sich selber sprach er dabei: „Der Drachenwirth soll gewiß einen so guten Forster Traminer ausschenken; den dürft' ich wohl auch ’mat