Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1851. — 3f 37.
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
„Der Junker warf sich in die Brust. „Luitpold von Sperbereck", sagte er mit besonverer Betonung und bedeutsamem Blick. Therese zuckte die Achseln und versetzte: „Sperbereck mag eine recht schöne Gegend sein, mir aber gänzlich unbekannt". — Der Freier wurde ungeduldig. „Ich bin ein Freiherr von Sperbereck", rief er. — „Ah so, ein Herr Baron", sagte Therese mit einer Gleichgül- tigkeit, welche den armen Luitpold vollends zur Verzweiflung trieb. Nasch sprach er weiter: „Unser HauS ist an GlückSgülern wohl zurückgekommen, doch nicht an Ansehen und Aussichten. Meine Mutter, eine Nichte deS kinderlosen reichen Grafen Guidobald von Spechlheim, wird einst große Besitzungen erben. Mich, den jüngern Sohn , bringt indessen der Einfluß der lieben Verwandtschaft vorwärts. So darf ich denn sozusagen tagtäglich meiner Beförderung zum Offizier entgehen sehen. Dann will ich auch ohne Verzug heirathen und darum eben alles fein vorher in Richtigkeit bringen. Bei meinem Bater machte ich wie billig den Anfang. Hart hielt eS, seine Einwilligung zu erlangen, doch hab ich sie in der Tasche. Die Mutter sperrte und sträubte sich mit Händen und Füßen ; aber deS Vaters vernünftiger Sinn, mein inständiges Flehen und dazu die Märzerrungenschaften beugten endlich und endlich ihren Adelstolz. Sie willigte ein, sie stellt die Sicherheit, und so, meine angebetete Therese, kann ich wohlgemuth vor Ihren Herrn Vater hin- treun und um Ihre Hand anhalten. Er wird sie mir hoffentlich nicht versagen".
Die Stirn der Jungfrau hatte sich indessen umwölkt. Kehr ernsthaft antwortete Therese: „Ich wiederhole Ihnen abermals, daß wir Beide lange noch nicht so weit mit einander sind. Mein Vater wird ohne weiteres dem
jenigen daS Jaworr geben, den ich ihm als meinen AuS- erwählten vorstelle. DaS hat er hundertmal gesagt und deS Brutus Müller Wort ist baares Geld". —
„Wohlan denn", rief Luitpold, „so lassen Sie unS nicht länger zaudern. Ich sterbe vor Ungeduld". — „Desto schlimmer für Sie", antwortete die Jungfrau, „denn wenn ich die Sache bei Licht betrachte, so mag ich gar nichts mehr davon hören". — „Grausame" ! — „Mir läuft es wider den Strich, in eine Freundschaft hinein zu heirathen, die mich aus Gnaden aufnehmen will. Ich bin nicht gewohnt, mich über die Achseln ansehen zu lassen, und zu alt, eS noch zu lernen. Meine Empfehlung an Ihre gnädige Frau Mama und sie möchte Ihnen eine hochadelige Stadtjungfer einfangen. Müllers Theres' wird sich unterdessen einen in der Wolle gefärbten Demokraten zum Hochzeiter aussuchen".
Wie ein Stein, den Berg Hinabrollcnd, immer unaufhaltsamer in Schuß kommt, so hatte die Schöne sich selber recht in Eifer geredet, obgleich sie eigentlich gar nicht vorgehabt, die Liebe gänzlich anfzukündigen; da sie jedoch keinen rechten Schluß ihrer Rede zu finden wußte, so huschte sie weg, obschon nicht ohne bittere Sorge im Bewußtseyn, wie leicht der schmucke Reitersmann den Abschied könnte gelten lassen. Der war wie vom Blitz gerührt und vom Donner betäubt, vom Schlag aus heiterer Luft getroffen. Freilich war es unvorsichtig von ihm gewesen, dem Bauernhochmuth auf daS Hühnerauge zu treten, doch schien für daS geringe Versehen die Strafe jedenfalls zu hart. Nun hätte billigerweise daS Gefühl erlittenen Unrechts den Junker "ermuthigen sollen, sein Herz von der Undankbaren loSzureißen; dazu aber war die Liebe zu stark. Muth faßte Luitpold allerdings, doch nicht zu stolzer Flucht, sondern zum Nachsetzen. Leicht und behend schnellte er sich über die Hecke. Therese sah von weitem den Sprung und bildete sich ein, was ihr