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die Linden hinunter zum Brandenburger Thor hinaus, wo in dem glänzend wiederhergestellten Kroll'schen Lokal eine großartige Ausstellung veranstaltet worden ist. Hier sieht man mit polizeilicher Bewilligung alles, was auf den Tabak der Vorzeit 1851 Bezug hat.

In einem Käfig links erblickt man einen alten Im« porteur. Hartdaneben steht ausgestopft der erste Horn­drechsler und Pfeifenfabrikant. Unter Glas mit einem feinen Guter darüber sieht man einige halbe und ganze Dutzend ächter Cigarren. Ein Viertelhundert Regalia wird gegen ein besonderes Eniree in einem getrennten Zimmer gezeigt und durch ein GlaS gesehen. Allgemeine Aufmerksamkeit erregen die Holzpflücke aus einer Rolle Varinas. Draußen auf dem Ererzierplatz sind zwei Ba­taillone Tabakschnüpfsl er, welche auS brodlosen ehe­maligen Tabakhändlern gebildet sind, mit militärischen Evolutionen beschäftigt.

Das Aussehen der Stadt hat sich sonst noch wesent­lich verändert.

Eine Menge Wirthshäuser ist eingegangen, weil in ihnen heimlich ächter Tabak geraucht worden ist und ihnen die Konzession entzogen werden mußte.

An ihre Stelle sind einige prächtige Gebäude getre­ten, in denen der Regielaback verkauft wird. Schon weicht das Volk diesen Bauwerken aus und der Patriot zerdrückt mit seinem Stiefelabsatz heimlich eine Thräne in seinem Auge.

Die Moral hat bereits gelitten. Frauen, die Jahre lang stillschweigend das Rauchen ihrer Männer duldeten, haben sich von ihnen getrennt, seit sie Regietaback zu rauchen angefangen. Brautpaare, die seit vielen Jahren verlobt, nur einer Anstellung entgegensahen, veruneinigten sich auf einer schwärmerischen Mondscheinpromenade.Was rauchst du für eine scheußliche Cigarre, mein Orestes?" fragt sieEs ist die Neustados Eberswaldia yellow, das Mille 50 Thaler, meine Tisiphone"! antwortet er worauf sich beide stumm trennen. Sie sehen sich nicht wieder.

In den philosophischen Schriften der Gelehrten ver­mißt man den norddeutschen Tiefsinn, die Logik darin wird schlotterig; man fängt an diese Werke für genieß­barer zu halten. In der Lyrik macht sich wieder Lebens Überdruß und Europamüdigkeit geltend. Von Düsseldorf geht in der Malerei eine neue Richtung, die der trauern­den Tabacksraucher auS. Auf der Kunstausstellung von! 1856 werden sich 799 Gemälde befinden, auf welchen; Pilger, Ritter und Engel dargestellt sind, welche wegen; Verschlechterung de« Tabacks in traurige Betrachtungen ' verloren, theils ferne Berge, theils nahe Pfeifen anstar- !

ren. Unter den Skulpturen befindet sich ein Basrelief von Rauch, darstellend die Apotheose von Prätorius und Brunzlow, bestimmt für daS Familienbegräbniß die­ser sich zu Tode getrauert habenden Fabrikanten.

Auf die Preise der LebenSmittel ist daS Monopol nicht ohne Einfluß geblieben. Wirsigkohl, Grünkohl und Spinat sind nur noch von Reichen zu bezahlen, da diese ehemaligen Gemüse zur Anfertigung der besseren Tabak- sorten gebraucht werden. Dafür ist die Einfuhr des See­grases um das Hundertfache gestiegen und da der Preis des Lebens gesunken ist, raucht man nur noch aus ver, gängltchen Thonpfeifen. Man denkt hierin ganz muhame- danisch: daß der Mensch keine Geräthe haben müsse, die länger dauern als er selber.

Doch warum noch fernere traurige Blicke in die Zu­kunft ? Pindar hatte gut reden, wenn er das Dasein deS Menschenden Schatten eines Rauches" nannte; der Preuße der Zukunft wird sich bedanken, der Schatten solch eines Rauches zu sein und nur der Selbstmörder wird nicht mehr zu Strick und Pistole greisen, sondern im Lokalbericht wird man in dem bekannten klassischen Konstabler-Deutsch lesen:

Gestern tödtete sich ein alter Mann aus Lebens- übcrdrüssigkeit mit seiner Tabackspfeife, indem er daö Oleum daraus verschluckte, woso weiß man nicht. Ber, lin, 4, Febr. 1855".

Miszellen.

DerEraminer" widmet dem General B e m einen aus­führlichen Nekrolog.Das bitterste Brod der Verbannung", heißt es darin,kostete Bem in England ; er gab für sehr gerin­ges Honorar in London und Orford Sprachunterricht. Und auch dieses kleine Einkommen verlor er in Folge einer schmerzhaften Operation, der er sich damals unterziehen mußte. Der (ebenfalls kürzlich) verstorbene berühmte Dr. Siston zog ihm eine im Duell erhaltene Kugel aus dem Arm". Wenige Monate, nachdem er in einem Armenspital in London kurirt worden war, spielte er den Beherrscher Siebenbürgens und nahm die Bittschriften ade­liger und reicher englischer Familien in Empfang, die sich für englische Offiziere oder Reisende auf dem Kriegsschauplätze bei ihm und niemals vergeblich verwendeten.

Tageschronik.

12. Februar 1848. Bassermann stellt den Antrag zur Vertre­tung der deutschen Kammern beim Bundestag.

WaS die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.

(Fi es ko 2t Aufz., 4r Auftr.)

Verantwortlicher Redakteur: Dr. A. Boczek.

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Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.