Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 35.
Bor Landau.
(Fortsetzung.)
Unterdessen war der Reiter herbeigekommen und zügelte seine- Thieres flüchtigen Lauf mit raschem Ruck, just wie ein Spahi. Der Ankömmling sah einem solchen auch sonst nicht ungleich. Hochgewachsen, breitschulterig, starkknochig, wohlgenährt trug er im kriegerischen Antlitz einen stattlichen Lollbart. Die mächtigen Glieder um, hüllte wallend das Burgunderhemd, festgehalten um die Mitte vom schwarzen Gürtel, woran in blanker Messtng- scheide ein Schleppsäbel hing. Schon damals im Anfänge der Bewegung konnte ein anständiger Mann sich kaum ohne Schleppsäbel öffentlich sehen lassen. Mit einer Donnerstimme bot der Weinhândler dem vierblätterigen Kleeblatte die Zeit. Dem trutzigen Tone nach klang sein Gruß ungefähr, als hegte er nicht übel Lust, den SarraS zwischen die Zähne zu nehmen, die Pistolen aus den Halftern zu reißen und ganz Frankweiler mit Sturm zu erobern. Er erregte damit weder Furcht noch Schrecken, nicht einmal Lust zum Widerstand. JonaS lud ihn zu einer Taffe Kaffee ein. „Mich höflichst zu bedanken", brüllte ganz gemüthlich der Wauwau; „ich wünsche nur etwas Feuer für meine Cigarre". — „Ein Glas Wein werden Sie dochannehmen"? — „Ei warum denn nicht? Ich und der Wein sind Brüder, doch ich bin der ältere und gefährlichere. Auch gibt ein Bügeltrunk dem Gaul alleweil neues Feuer".
„Theres'"! rief Brutus in's HauS, „einen Schoppen für den Herrn Blenker"!
Auf den Ruf erschien alsbald mit dem goldigen Naß ein schönes Kind von tausend Wochen, sonntäglich aufgeputzt. Der Gast im Sattel stand bei der niedlichen Therese gar nicht übel ungeschrieben, wenigstens hieß sie ihn mit besonderer Freundlichkeit willkommen. „Auf Ihre Ge,
sundheit, Fräulein", sagte Blenker, und trank den stattlichen Pfälzerschoppen auf einen Zug so leicht auö, als gält' eS, ein armseliges altbayerischeS Schöppchen zu vertilgen. „Wollen Sie nicht absteigen"? fragte das Mädchen, indem eS den Becher wiederum füllte. — „Kann nicht sein, so leid mir'S thut, grad Ihnen einen Korb zu geben", versetzte der Reiter mit einem Blick auS seiner schönsten Weinreisezeit; „ich habe dringende Geschäfte." — „Und wir trinkende", lachte Cassius. — „Wohlbe- komm'S", rief Blenker mit einem verdächtigen Lächeln. — „WaS ist denn los"? fragten Alle wie auS Einem Mund. — „Sie werden bald 'was inne werden", beschied mit geheimnißvoller Miene der Wormser; „haben Sie brav Sensen im Vorrath, Herr Napoleon Müller"? — Der Schmied zuckte verdrießlich die Achseln. „Wenn ich nur nichts von den Malefizsensen hören müßte", brummte er dazu; ich begreife wohl, daß der Bauer die Sense zum Spieß macht, sobald er nichts Anderes haben kann. Aber eine tüchtige Lanzenspitze richtet mehr aus als drei Sensen, und ist dennoch viel geschwinder gemacht". — Die gewaltige Mähne schüttelnd versetzte Blenker: „Sagen Sie mir nichts gegen die Sensen! Sie sind gleichsam geheiligte Werkzeuge. Ein Sensenmann erinnert an die tapfern Polaken und an die Ehrenschuld, welche wir diesem Heldenvolk noch zu bezahlen haben. Der Sensen, mann sieht sehr furchtbar auS, wie Freund Hain. Der Anblick einer Sense muß auch den verthiertesten Söldling an seine Vergangenheit wie an seine Zukunft mahnen. DaS sind drei überwiegende Gründe. Also tapfer Sensen geschmiedet und die Bauersame bewaffnet! Dann ist die Republik fertig". — „Dummes Zeug"! rief der Großvater ungeduldig. — „Wie so, Herr Müller"? fragte Blenker verwundert; „sind Sie denn kein Republikaner mehr"? — „Freilich wohl bin ich einer", erwiderte JonaS, „aber ein ächter und rechter. Ihr meint, wenn ihr