Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 34.
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
Die gesammte Einrichtung der Wohnstube machte einen behaglichen Eindruck. Nicht zu groß, aber geräu, mig, nicht zu hoch, aber luftig, trugen ihre Wände eine Bekleidung von Papiertapeten. Blumengewinde in buntscheckiger Malerei prangten an der Decke. Den saubern Estrich bildeten wohlgefügte Dielen von Tannenholz zwischen eichenen Friesen. Thüren und Thürgewänder, daS Holzwerk an den Fenstern, die breite Fußleiste glänzten weiß unter dem gefirnißten Anstrich von Oelfarbe. Nicht minder weiße Vorhänge und Umhänge zierten die blanken Fenster. Gebohntes Schreinwerk von Mase Holz, ein stattlicher Spiegel in goldenem Rahmen, ein Sopha mit rothem Ueberzug von ungeschnittenem Plüsch vollendeten die Einrichtung — der pfälzischen Bauernstube. Bei uns auf dem Lande ist der Pfarrhof kaum hübscher eingerichtet, als im Rheinthal der Pfalz ein Bauernhaus; versteht sich, sobald der Bauer irgend nur die Mittel auf- zutreiben weiß, wohl oder übel. Von übel war indessen bei JonaS keine Rede. Das weitläufige Dorf ist eines der behäbigsten, und unter den Herrn Landwirthen von Frankweiler war der Großvater nicht eben der ärmste. Zu seinem wohnlichen Haus mit dem geräumigen Hof, den weiten Stallungen und dem wohlbestelltcn Garten gehörten Felder, Wiesen, Reben von bedeutendem Umfang, trefflichem Boden, günstiger Lage. Schulden kannte der Besitzer dieser Herrlichkeiten nur insofern, als er deren «usstehen halte; auch das mag nicht immer angenehm sein, ist aber jedenfalls dem umgekehrten Verhältnisse vorzuziehen.
Wohlgemuth schmauchte am Hellen Frühligstage der Greis seine Pfeife unter der Weinlaube auf dem steinernen ^reppenvoripruna vor der Thüre von Zeit zu Zeil
nippte er dazu aus blauer Schale den schwarzen Trank des Morgenlandes. Bei ihm saßen drei Männer, rauchend und Kaffee schlürfend wie die Türken. Der eine ein Kriegsmann in grünem Reitröcklein mit rothen Auf, schlägen, auf der Brust ein Stückchen rotheS Band, im benarbten Gesicht einen grimmigen weißen Schnurrbart; die andern, ebenfalls nicht mehr jung, in ländlichem Auf- zug. Die drei waren des Großvaters Söhne: Brutus, der mittlere, welchem JonaS thatsächlich, doch beileibe nicht förmlich das Anwesen seit mehr denn zwanzig Jah, ren übergeben hatte; CassiuS, der erstgeborene, Wachtmeister bei den ChevaurlegerS, von den Angehörigen des Hausstandes kurzweg „unser Schwallanscheer" geheißen; der jüngste Napoleon, der Schmied von Bellheim. Die wunderlichen Taufnamen der alten Knaben beurkundeten hinlänglich, aus welchen Tagen sie stammten; die zwei ersten aus den grünen Jahren der neufränkischen Republik, der jüngste vom glänzenden Aufgang des Heldengestirns, das einen andern Washington zu bringen verhieß, um hernach die Welt wie sich selbst um die herrliche Verheißung zu betrügen.
Der Reitersmann war von Landau, der Schmied von Bellheim gekommen, nur um sich bei Vater und Bruder ein sonntägliches Vergnügen zu machen. Sie hatten tüchtig gegessen und gezecht; jetzt erholten sie sich ein bischen von dem schweren Stück Arbeit. Ihre Unterhaltung lautete ganz vergnüglich und gemüthlich; keine Seele hätte daraus merken können, daß überall im ganzen Lande die Flammen des ausbrechenden Aufruhrs züngelten. Sie redeten von Felo und Garten, von Kühen und Kälbern, von Nachbarn und Nachbarskindern, von den Geheimnissen der Kirchenleut' und Marktweiber. Plötzlich deutete Brutus aus den Siebcldinger Weg hinaus. „Der hat's eilig", sprach er dazu. Ein Reiter näherte sich in gestrecktem Lauf, als gält' eS, einen ausgebrochenen Brand