Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 32
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Cine e r ft e Liebe
(Schluß.)
Eines Morgens — als eben die ganze Familie ver- sammelt war, kam ein großes Schreiben an den „Mu- Pker Joseph Haydn" von einem seiner vornehmsten Gönner, — vom edlen Grafen Morzin. — ES war eine förmliche Ernennung zum Musikdirektor der ausgezeichneten Kapelle deS Grafen. *) — „Diese Anstellung soll nur ein kleiner DankeSbeweis sein", schrieb Morzin — „ für die schöne Sinfonie in D, die mein lieber und geschickter Haydn vor Kurzem für meine Kapelle komponirt". —
Haydn faltete die Hände und sagte langsam und tief ergriffen: „o du grundgütiger Gott, wie liebe ich dich!- — Wie will ich dir danken und dein Lob singen mein Lebelang"! — Und dann sanken seine verklälten Augen auf die in Thränen schwimmende Geliebte und sein Mund hauchte überselig: „Johanna — herzliebtS Mädchen — jetzt darf ich dir Alles sagen — jetzt dürfen wir glücklich sein"! — Doretta verließ plötzlich daS Zim, «er, — Johanna aber stürzte vor dem Hochgeliebten nieder, — streckte ihre zarten Arme verzweifelnd zum Himmel und rief mit herzzereißendem Ton: „Joseph — Jo, skph — wirf deine süßen Träume von Dir — für uns blüht kein LiebeSg'ück hienieden — wir müssen scheiden, — scheiden für diese Erde! — Ich habe cs der Heiligen Mutter gelobt — Ende dieses JahreS nehme ich den kchleier" ! — Nach kiesen Worten sprang sie aus und *‘He hinaus. — Baier Keller aber umfaßte den Halb- vhnmâchtigen Haydn, drückte ihn mitleidig an seine Brust und erzählte ihm schluchzend ras unwiderrufliche Gelübde beS zärtlichsten Herzens. —
*) Es war dies die erste vorübergehende Anstellung Haydns: Won; iw folgenden Jahre 1760 wurde er Kapellmeister des Fürsten ; Esterhazy mit — 400 Gulden Gehalt. Die Red.
AlS Johanna matten Schrittes in ihr Schlafkäm- merlein schlich, um sich neue Kraft zu erringen im stillen Gebete zum furchtbar schweren Werke der Entsagung, — hörte sie ein schwaches Geräusch in der Bodenkammer ihres Freundes. — Eine seltsame Ahnung durchzuckte sie, — ihre ganze Stärke kehrte wieder — sie flog faß unhörbar hie Stiegen hinaus uq6 erblickt? durch die halb- offene Thüre ihre Schwester — die eben ein Fenster auf» gerissen und sich auf die niedre Brüstung geschwungen — sichtlich in der Absicht sich hinabzustürzen auf die Straße. — Ein Schrei entfloh den Lippen Johanna'S — aber in demselben Augenblicke war sie auch mit der Schnelligkeit des Blitzes am Fenster und riß die erschrockene Frevlerin herab. —
Wenige Monden später wurde im Kloster der heiligen Ursula eine junge schöne Nonne eingekleidet, die den Ramen Maria erhielt — und zwfi Tag? daraus feierte der Musikdirektor Joseph Haydn seine stille Hochzeit mit Doretta Keller.
Der Abschied Haydn'S von seiner so innig Geliebten war ein heilig rührender gewesen. — AIS der erschütterte junge Mann der scheidenden frommen Schwärmerin gelobt, auS Liebe zu ihr, und um der Liebe willen, die Doretta für ihn fühlte, — dieser die treue Hand zu reichen — alö er auch mit bewegtem Herzen von der Schuld gesprochen, die er durch dieses Bündniß seinem väterlichen Freunde und Hausherrn wenigstens zum Theil abzutra- gen im Stande sei — küßten sich die Liebenden zum ersten und letzten Mal. — „Sei treu Deiner hochheiligen Mu- sila" fchluchte dann das reizende Mädchen mit brechendem Herzen — „aber vergiß auch meiner nicht — und habe Geduld mit Doretta. — Henk über ein Jahr — nicht eher, mein Lied — komm zu mir an das Sprachgitter — sage mir kein Wort — sich mich nur still an, — und wenn Du glücklich bist mit Deinem Weibe, so trage ein