Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem.
1851. — ^ 31
Eine erste Liebe.
(Fortsetzung.)
Am andern Tage war große Sorge und Trauer im Hause deS ehrsamen Bürgers und Haarkräuslers Keller — Joseph Haydn lag an einem hitzigen Fieber besinnungslos darnieder. — Der herbeigerufene weise Doktor mit der verschobenen Perrücke und großen grünen Brille erklärte zwar die Krankheit anfänglich nur für eine Er- kâltiing, am dritten Tage schüttelte er jedoch schon bedenklich daS Haupt und meinte, der neunte Tag dürste eine sehr schlimme Entscheidung bringen. Ganze Krüge voll Medizin von jeglicher Farbe, ellenlange Pflaster und dicke Pillen wurden nun dem armen Kranken eingeflößt, aufgelegt und beigebracht — vergebens. — Joseph Haydn wollte nicht genesen oder erwachen — sondern lag ohne sich zu regen fort und fort mit heißflammenden Wangen und fliegendem Athem da, — und fantasirte selig lächelnd von himmlischen Harmonien und singenden Engeln. — Oft mußte er wohl zaubervolle Melodieen vernehmen, — denn zuweilen riefen seine fiederzuckenden Lippen begeistert : „o wie wunderbar süß sind diese Klänge — o wie selig froh ist diese Weise" ! — und brach bei solchen Worten in Thränen deS Entzückens aus. —
Die schöne Johanna saß Stunden lang heiß weinend an dem Lager deS Besinnungslosen und rang die feinen Hände in tödtlicher Angst. — Auch Doretta schlich zuweilen in'S Kämmerlein, sagte aber nie ein mitleidiges Wörtchen, warf einen verzehrenden Blick auf den Kranken, zog die Stirne finster zusammen, kehrte sich um und ging hastig wieder hinaus. — Vater Keller wankte trostlos umher, puderte alle Perrücken schlecht und vergaß seine besten Kunden zu bedienen. „Denkst Du wohl an meine Prophezeihung", — sagte er dann und wann mii humpfer Stimme zu seiner ältesten Tochter — „siehst Du
— er muß sterben* ! — So kam der gefürchtete nennte Tag heran, und wirklich änderte sich sofort daS Aussehen deS Kranken. — Die Nöthe auf seinen Wangen und Lippen verschwand und machte einer Leichenfarbe Platz — der Athem wurde leise und stockend — näher und näher rauschte der Flügelschlag deS TodeS. — „Noch diese Nacht beschließt der Arme sein junges Leben, — oder ich verdiene nicht deS hochgelehrten AeSculapS Jünger zu heißen" — hatte der weise Doktor mit zuversichtlicher Miene gesagt. — Johanna hörte diese Worte, kaltes Entsetzen durchbebke sie. — Aufgeregt — halb besinnungslos vor Verzweiflung — zitternd vor Schmerz eilte sie in ihre abgelegene Kammer und warf sich dort vor dem kleinen Marienbilde auf die Knie. — Lange rang sie wortlos vor dem Angesichte der gnadenreichen Mutter — endlich aber rief sie laut: Heilige Himmelskönigin — o laß den Geliebten genesen I — Bedarf eS eines Opfers — nimm mich an — nimm mein blühendes Leben! — Heilige Maria sieh! — ich gelobe dir, mich deinem Dienste zu weihen für ewig — eine fromme Klosterjungfrau zu werden, — den Schleier zu nehmen als Braul deines Sohnes. — Gesegnete Jungsrau — erhöre mich — nimm mein Gelübde an — ach erbarme dich meines Jammers, — schenke Genesung dem Leidenden — rette, o rette den Sterbenden"! —
Und als sie so gebetet im namenlosen Weh ihres gequälten Herzens — erhob sie wieder die Augen und da war es ihr, als ob die Blumen in dem glänzenden Krüg, lein vor dem Marienbilde, — die so eben noch verwelkt die Köpfchen gesenkt — wieder frisch erblüht sie strahlend anlächelten. — Süße Freude durchströmte ihr kindlich gläubiges Herz — „Maria nimmt mein heiliges Gelübde an" jauchzte sie. — „Liebster Vater" — sagte sie am Abend heimlich und aufgeregt, als sie mit ihm allein war — „wird unser Haydn gesund, dann erfülle ich der